Anna und Martha. Der dritte Sektor

von Dea Loher

Eine tragikomisch eiskalte Abrechnung mit dem Lohndienstleben beim Auftauen alter Erinnerungen: Lohnarbeit macht den Menschen zum Hund, aber mit einer in die Kühltruhe verbannten Herrin und Worten kann er zurückbeißen:
Die Rachearie eines Schreckschrauben-Duos bestehend aus der hüftkranken Köchin Martha und der ausgesprochen kurzsichtigen Näherin Anna bespiegelt von einem von seinem Hund dargestellten Chauffeur, und einer schwarzen Putzfrau. „Deine Wehleidigkeit steht im umgekehrten Verhältnis zu deiner Lebensleistung“. Sie verachten im anderen sich selbst, weil sie in ihm das eigene verpfuschte Leben erkennen. „Das ist keine Arbeit das ist Dienst.“


Es spielen: Maria Hofstätter, Martina Spitzer
Regie: Susanne Lietzow
Bühne und Kostüm: Marie Luise Lichtenthal
Produktionsleitung: Dietmar Nigsch
Video:Petra Zöpnek
Videoton: Gilbert Handler
Technik: Hannes Maier

Als Tournee-Stück buchbar
Tournee-Organisation: Maria Hofstätter | hofstaetter@projekttheater.at | Tel. +43 699 125 99 503

Fotos: Marie Luise Lichtenthal


Weitere Infos

Pressematerial

Fotos: Marie Luise Lichtenthal | Der Abdruck der Fotos ist ausschließlich für die Berichterstattung und Bewerbung des Stücks „Anna und Martha. Der dritte Sektor“ und unter Nennung des Urhebers honorarfrei.

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Mit wenigen Mitteln und sich auf das scharf konturierte Spiel der Schauspielerinnen konzentrierend, gelingt Lietzow eine intensive und mitreißende Interpretation des beunruhigenden Textes. 

Wiener Zeitung

„Sensible Hypochondergans“.“ Krummbeinige Simulantin“. „Stures Schrapnell“. Sie schenken einander nichts…“Ein Schreckschrauben-Duo erster Güte.“

Online Kulturzeitschrift – Bühne

Zwei großartige Schauspielerinnen, die sich in der Regie von Susanne Lietzow eindrucksvoll entfalten und alle Register ziehen.

KULTUR Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Es ist ein bitterböses Kammerspiel für zwei Schauspielerinnen, eine Puppe, eine Maske, zwei Stühle und eine Tiefkültruhe. Mehr braucht es auch nicht für zwei Stunden intensives Sprechtheater.

Volksblatt Liechtenstein

Regisseurin Susanne Lietzow gelingt eine Inszenierung, die auf kluge Art karikiert, aber nichts an Tragik und Intensität einbüßt.

Salzburger Kulturzeit

Pressestimmen

Dea Lohers Personal probt den Aufstand

Norbert Mayr
Die Presse | Feuilleton
21. Februar 2013

Gastspiel im Nestroyhof Hamakom. Martina Spitzer und Maria Hofstätter zeigen in „Anna und Martha“ ihre Klasse. Das bitterböse Kammerspiel neigt zur Übertreibung.

Wenn Maria Hofstätter – bekannt aus den Filmen von Ulrich Seidl – als gehbehinderte Köchin gegen Ende von Dea Lohers „Anna und Martha. Der dritte Sektor“ von klobigen Turnschuhen auf glitzernde High Heels umsteigt und wie auf Eis über die fast leere Bühne schleift, dann ist das bei dieser wunderbar präsenten und eigenwilligen Darstellerin höchst vergnüglich, aber auch traurig anzusehen. Hofstätter hält als Martha das Kunstwerk in Balance.
Sie zeigt einen brutalen Versuch des Aufbegehrens und zugleich dessen Scheitern. Denn Martha hat sich zuvor mit ihrer Verbündeten, Anna, einer von der kongenialen Martina Spitzer gespielten Schneiderin, gegen die Hausherrin gewandt. Deren Schuhe, Perücke, Schmuck werden aus der Kühltruhe geholt. Mehrmals war aus dieser Stöhnen und Klopfen zu hören, als ob jemand gegen Ersticken und Erfrieren ankämpfte. Das sind aber nur die Nebengeräusche, im Mittelpunkt des Spiels steht eine furiose Abrechnung des Personals, das auf fast leerer Bühne einen irrwitzigen Text abspult, der in dieser Regie am Dienstag in Wien zum Funkeln kam. Bereits 2001 gab es in Hamburg die Uraufführung, über den Umweg Vorarlberg ist das Stück jetzt im Nestroyhof Hamakom zu sehen. Das Projekttheater gastiert im zweiten Bezirk mit dieser Inszenierung von Susanne Lietzow bis 23. Februar.

Hackordnung der Unterdrückten
Anna und Martha, die vom Mordversuch auch untereinander nicht lassen können, die bereits eingangs kriminell in Plastik gehüllt sind, scheinen Genets „Zofen“ entsprungen oder einem absurden Stück von Beckett, ihr Singsang erinnert an Bernhard. Und doch auch haben die zwei Protagonisten genug Eigenleben, um zu entzücken. Pointiert wird das Verhältnis von Herrschaft und Dienerschaft variiert, in all seiner Bösartigkeit und Hilflosigkeit. Die beiden Darstellerinnen spielen zudem kleine Nebenrollen – eine unheimliche Puppe und eine Putzfrau, die in der Hackordnung ganz unten steht, das verbale Opfer der beiden anderen Domestiken. In karikierender schwarzer Maske mit gigantischer Rasta-Frisur erzählt die Afrikanerin vom Tod all ihrer Verwandten und bedient dabei rassistische Klischees. Diese Übertreibung wäre gar nicht nötig gewesen, allein schon der geschickt produzierte Ulk von Köchin und Schneiderin hätte gereicht.
Umrahmt wird die Aufführung von zwei Kurzfilmen, die auf die Kühltruhe projiziert werden. Im Anfang kommt zu Wort: der Herr! Ein biblischer Rauschebart bezieht von Martha Prügel, als er sich gegen ihre Segenswünsche sträubt. Am Ende steht die Flucht, Slapstick am Ufer wie aus frühen Kintopp-Tagen. Zwei Versehrte hoffen auf ein kleines Stückchen Glück. Das werden sie aber, wie es aussieht, wieder nicht kriegen.


Die neuen „Zofen“ lieben es unterkühlt

Michaela Mottinger
Online Kulturzeitschrift – Bühne
21. Februar 2013

„Sensible Hypochondergans“.“ Krummbeinige Simulantin“. „Stures Schrapnell“. Sie schenken einander nichts, die von der Dramatikerin Dea Loher erdachte hüftkranke Köchin (die Hüfte hat ihr der „HERR“ anfangs in einem Schwarzweiß-Stummfilm gebrochen, weil sie seine Gnade erflehte) und die kurzsichtige Schneiderin. Ein Schreckschrauben-Duo erster Güte, das im Wiener Theater Nestroyhof Hamakom seine Rituale Jahrzehnte lang aufgestauter Aggressionen und intimer Kenntnis kranker Körper und Seelen als Racheorgie zelebriert. Nicht nur aneinander, sondern vor allem an ….

Das Projekttheater Vorarlberg zeigt „Anna und Martha. Der dritte Sektor“. (= der Dienstbotensektor) als Gastspiel. Eine großartig groteske Komödie, wenn von Loher so nicht gedacht, dann von Susanne Lietzow in ihrer Inszenierung dazu gemacht. Die Regisseurin arbeitet wieder mit zwei ihrer Lieblingsschauspielerinnen: Die kongenialen Martina Spitzer und Maria Hofstätter, zuletzt nicht nur in der ORF-Satire „Braunschlag“ zu sehen, sondern für ihre Darstellung im Mittelteil von Ulrich Seidls Kino-Tryptychon „Paradies:Glaube“ gelobt und ausgezeichnet. „Anna und Martha“ sind wie eine Hommage an Jean Genets „Zofen“. Mit dem Unterschied, das diese von Männern dargestellt werden sollen, und jene nicht mehr auf die Rückkehr der Herrin warten, sondern sie in der Tiefkühltruhe verschnürt haben und sich über ihr langsames Ersticken amüsieren. Beim Pelzmäntel-Plündern aus Kleiderschränken (sogar aus dem Gefriersarg werden bei Loher/Liezow noch Schmuck und Edelpumps entnommen, mit denen die Hofstätter über die Bühne quietscht, bis die Ohren bluten) ist man wieder auf Augenhöhe.

„Die Bierbaum und die Bosheit sind siamesische Zwillinge“, sagt Anna. Damit sagt`s die Richtige. Die sogar schon einen Mordplan für den sabbernden und haarenden Haushund, er ist gleichzeitig der Chauffeur Ludwig und eine Puppe – derzeit sehr modern, ersonnen hat.

Während die beiden also auf das Ende des Atmens warten, haben sie viel Zeit. Um über die Umständ` und gegeneinander zu räsonnieren. Um auf der Tiefkühltruhe zur Bonanza-Titelmelodie ein wenig bullriding zu probieren. Und um heimlich abzumessen, ob die andere nicht doch auch noch hineinpasste. Das ist wunderer Slapstick.

Im minimalistischen Bühnenbild von Marie Luise Lichtenthal gibt die Hofstätter die herrische, gegen die schwarze Putzfrau (Spitzer als Xana unkenntlich gemacht durch einen Perückenmix aus Burka und hüftlangen Rastalocken) latent rassistische Rädelsführerin. Mit die schönsten Momente sind, wenn ihr der Dialekt durchgeht. „Anna“ Spitzer ist eine trotz sarkastischer Geschwätzigkeit ängstlich-weinerliche Witwe. Sie hat beim Herrn, in der Brauerei, ihren Mann verloren. Kein Unfall. Alkohol! Und den Sohn, dessen Votivbild, das sie um den Hals trägt, von Szene zu Szene größer wird.

Endlich: Das Röcheln ist aus. Endlich kann man ein Siegergesicht aufsetzen, statt immer nur Dreck in die Pappn zu kriegen. So endet`s ähnlich, wie`s begonnen hat. Mit einem Schwarzweiß-Stummfilm von Anna und Martha und Xana am Meer. Italiensische oder französische Riviera – egal.

Nur eine Frage bleibt offen: Wie bugsiert man seinen eigenen Boss Richtung Eiskasten?


Aufstand der Aussortierten

Kai Krösche
Wiener Zeitung | Feuilleton
21. Februar 2013

Ein Leben lang haben sie sich gebeugt, haben die Untergebenen gespielt, für Kost und Logis und ein schmales Taschengeld ihre Haut faltig und die Hüfte krumm geschuftet. Doch damit ist jetzt Schluss: Anna, die Schneiderin und Martha, die Köchin haben ihre Herrin in eine Tiefkühltruhe verfrachtet und lassen sie dort ersticken. Weil das seine Zeit dauert, unterhalten sie sich – machen sich Vorwürfe, giften sich an, verletzten sich gegenseitig; geben sich aber auch Halt, reden einander zu, erzählen Episoden aus ihrem Leben. Das Vorarlberger Projekttheater unter der Regie von Susanne Lietzow hat Dea Lohers 2001 in Hamburg uraufgeführtes Stück „Anna und Martha. Der dritte Sektor“ mit den beiden hochkarätigen Darstellerinnen Maria Hofstätter und Martina Spitzer auf die Bühne gebracht; nach der Premiere in Vorarlberg kommt die Aufführung nun ans Theater Nestroyhof Hamakom in Wien. Mit wenigen Mitteln und sich auf das scharf konturierte Spiel der Schauspielerinnen konzentrierend, gelingt Lietzow eine intensive und mitreißende Interpretation des beunruhigenden Textes. Hofstätter zeichnet ihre Martha als undurchschaubare, kinderlose Alte, hinter deren harter Schale sich unerfüllte Liebe und der Wunsch nach einem besseren Leben verbergen. Puppenspielerisches Talent beweist sie in der Rolle des Meier Ludwig, der in zwei kurzen Szenen von der Entfremdung vom eigenen Leben erzählt.

Alptraumhafter Sog
Martina Spitzer spielt ihre Anna als nervös-steife, von Neid, Missgunst und dem Schmerz über den Tod ihres Mannes und ihres Sohnes zerfressene Alte; wie sie giftet und zischt, sucht seinesgleichen. Als afrikanische Putzfrau Xana mit dunkelbrauner Wollperücke besticht sie durch ihre subtile (Körper-)Sprache.
Dass bei der dargestellten Niedertracht und Hässlichkeit die Protagonistinnen dennoch als leidende, vielleicht gar bemitleidenswerte Geschöpfe zu erkennen sind, ermöglicht der beeindruckende Text, die überzeugenden Schauspielerinnen sowie die einfallsreiche Regie.
Ohne die Inszenierung zu überfrachten, schaffen Lietzow und ihr Team durch am Stil alter Stummfilme orientierter Projektionen sowie den subtilen Einsatz von Musik, Licht, Puppen- und Maskenspiel einen (alp-)traumhaften Sog.
Auf diese Weise umschifft die Inszenierung gekonnt die Gefahr, Lohers Text auf ein plattes politisches Statement zu reduzieren; stattdessen werden die Zweischneidigkeit der Figuren und die stets neu verhandelten Hierarchien auf ästhetische dichte Weise in starke Bilder überführt.


Der Untergang der Unterschicht

Projekttheater: Brillantes Kammerspiel im Alten Hallenbad

Raimund Jäger
Feldkircher Anzeiger
24. Jänner 2013

Mit einer beeindruckenden Leistung beehrt das „Projekttheater“ nach zwei Jahren Pause wieder die karge Feldkircher Theaterlandschaft: In „Anna und Martha. Der dritte Sektor“ von Dea Loher, ein tragikomisches Kammerspiel über die (bewusste) Verschwendung von Leben, brillieren Maria Hofstätter und Martina Spitzer.

In der Kühltruhe röchelt die Dame des Hauses gerade ihr Leben aus: Köchin Martha und Schneiderin Anna ignorieren diese letzten Lebenszeichen der verhassten „Herrschaft“, tun sich aber selbst sehr schwer, noch irgendwelche Lebenszeichen von sich zu geben. Zu lange und zu erniedrigend waren die letzten dreißig Jahre als Dienerinnen und anstatt die neu gewonnene Freiheit zu hinterfragen oder gar zu genießen, verzetteln sie sich in Gemeinheiten, schwelgen im Weltschmerz ihrer verlorenen Leben und lauwarmen Erinnerungen an verpasste Chancen und umso gelungenere Verluste. Die zwischen weinerlich und vulgär schwankenden Dialoge – meist mit gemeinem Witz gespickt – finden ihre Entsprechung in den körperlichen Gebrechen der beiden Protagonistinnen: Die raue und geile Martha hat`s an der Hüfte, die gezierte Anna sieht (und spürt) nicht mehr viel.

Minimal und stimmig
Mehr Schauspiel- denn Regietheater verlässt sich Regisseurin Susanne Lietzow auf die Kraft ihrer beiden Hauptdarstellerinnen, die konsequenterweise auch die Randfiguren darstellen: Der komplett degenerierte Chauffeur Meier ist eine Puppe/Masse, die die Gesichter seiner Lieben auf Kosten seiner „Herrschaft“ (die er entindividualisiert) längst vergessen hat; für die Putzfrau aus der Dritten Welt (beweglich nur der Körper, nicht der Geist) sind Demütigungen ohnehin Standard. Das einfache, aber effiziente Bühnenbild (einmal mehr sehr gut: Marie Lichtenthal), die extreme Reduzierung (eine Puppe, eine Maske und kurze Videoeinspielungen genügen, um alle Figuren erfahrbar zu machen), die sich auch in der Musik (Eric Satie) ausdrückt und kleine, aber feine inszenatorische Ideen komplettieren die beste Vorarlberger Theaterarbeit seit langem.

Darstellerische Höchstleistung
In erster Linie sind es aber die beiden Schauspielerinnen, die – mit einem gehörigen Mut zur Hässlichkeit – das Stück tragen. Für Maria Hofstätter, die die Arbeit beim Projekttheater trotz erfolgreicher Film- und TV-Produktionen als zentralen Punkt ihres Schaffens betrachtet, scheint die Rolle der derben Martha, die ihre Verletztheit und ihren Hass hinter Obszönitäten nur schwer verbergen kann, auf den Leib geschrieben. Fast noch beeindruckender die ebenfalls schon oft in diesem Ensemble tätige Martina Spitzer, die nicht nur die langen Dialoge der altjüngferlichen Anna, die den Mann an den Alkohol und den (wohl besonders lebenstauglichen) Sohn einfach so verloren hat, bravourös meistert, sondern zudem in der Rolle der Putzfrau eine zarte, fast melancholische Note ins Stück bringt. Schon die völlig andere Körpersprache lässt vergessen, dass dies die gleiche Darstellerin ist; auch die sprachliche Naivität der Frau ist anrührend. Wie auch die Schlüsselszene des Stücks, als Martha vermeintlich ein Geschenk ihrer großen Liebe erhält. Natürlich kam dieses von Anna und Martha weiß es auch – aber in diesem Moment erhellt ein Sonnenstrahl die ewige Kellernacht der gedemütigten Frauen. Großartig!


Bissiger als jeder Hund ...
… Projekttheater zeigt Dea Lohers „Der dritte Sektor“ unter dem Titel „Anna und Martha“

Dagmar Ullmann-Bautz
KULTUR Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
20. Jänner 2013

Wie nahe befreiendes Lachen und Traurigkeit beieinander liegen können, zeigt uns das Projekttheater mit seiner neuesten Produktion, die am Samstag im vollbesetzten Alten Hallenbad in Feldkirch erfolgreich Premiere feierte. Das Stück „Der dritte Sektor“ von Dea Loher, 2001 am Thalia Theater in Hamburg unter der Regie von Dimiter Gotscheff uraufgeführt, wurde im selben Jahr und identer Inszenierung bereits im Bregenzer Festspielhaus gespielt. Dea Loher, 1964 in Bayern geboren, gehört zu Deutschlands meistgespielten und -geehrten Dramatikerinnen. Ihre Stücke sind melancholisch, erzählen von traurigen Schicksalen am Rande der Gesellschaft und lassen trotz allem oder gerade deshalb eine ordentliche Portion Humor zu.

Das Projekttheater besetzt das Vier-Personen-Stück mit zwei Schauspielerinnen und benennt es nach den beiden Hauptfiguren: „Anna und Martha“, alias Martina Spitzer und Maria Hofstätter, die mit ihren Figuren nicht zum ersten mal beweisen, dass sie ein absolutes Dream Team bilden. Zwei volle Stunden lang verstehen sie es , die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen.

Grandiose Schauspielerinnen
Allein wie Maria Hofstätter ein Bonbon auspackt, sich in den Mund steckt, daran lutscht, das Papierchen akkurat zusammenfaltet und einsteckt, ist eine begeisternde Studie – ebenso die verschiedenen Gesichter, die Martina Spitzer dem Zuschauer schenkt. Zwei großartige Schauspielerinnen, die sich in der Regie von Susanne Lietzow eindrucksvoll entfalten und alle Register ziehen. Zumal die beiden Schauspielerinnen bei der Premiere, durch eine Erkältung und der Schonung ihrer Stimmbänder geschuldet, ein wenig eingebremst wurden. an vermag sich kaum vorzustellen, was abgeht, wenn die beiden Damen voll auf dem Damm sind.
Anna, die seh-und hörgeschädigte Schneiderin, und Martha, die Köchin mit einer kaputten Hüfte, sind Dienstboten, die darauf warten, dass ihre böse Herrin, die sie in eine Tiefkühltruhe eingesperrt haben, endlich das Zeitliche segnet. Doch die Alte ist zäh: „Je bösartiger, desto länger leben sie.“ Zwei weitere Bedienstete vegetieren im selben Hause, der Chauffeur Ludwig Meier (eine von Maria Hofstätter geführte Puppe), der mehr seinem Hund gleicht, als sich selbst und die Putzfrau Xana (Martina Spitzer), die devot und geduldig alle Bosheiten über sich ergehen lässt.

Stimmige Ausstattung
zwei köstliche Kurzfilme, schwarzweiß in Stummfilmmanier von Petra Zöpnek, eröffnen und beschließen den Theaterabend. Die Ausstattung von Marie Luise Lichtenthal unterstützt die Tristesse der Situation – Plastikfolie, die Baustellenflair impliziert und die Farben auf braun und beige reduziert.

Fetzen sich mit Worten und Taten
Anna und Martha sehnen das Ableben der Herrin herbei und dennoch spürt man gleichzeitig und hautnah ihre Angst vor dem „Danach“. Anna und Martha brauchen sich wie die Luft zum Atmen, sind sich bis in die Haarspitzen vertraut und doch blitzt nur in ganz wenigen Momenten so etwas wie Solidarität auf. Die erlittenen Erniedrigungen und Beschimpfungen geben sie voller Inbrunst aneinander weiter, treten gegen sich an, verletzen sich, geifern, schreien, fetzen sich mit Worten und Taten und fühlen sich doch nur für Augenblicke befreit.

Regisseurin vertraut dem Text
Immer wieder ist es zum Brüllen komisch, wenn die beiden vor Bosheit Funken sprühen und dann – im nächsten Moment – wiederum tieftraurig, wie die zwei in Erinnerungen schwelgen und den nicht erfüllten Träumen nachweinen. Die Inszenierung von Susanne Lietzow schöpft diesen emotionalen Reigen, der zwischendurch auch ordentlich an den Nerven zehrt, voll aus. Auch dort, wo er Längen hat, vertraut Regisseurin Lietzow dem Text von Dea Loher völlig. Ihre Figurenführung ist äußerst genau und durchdacht und der Ablauf des gestischen Spiels akkurat gegliedert. Das alles erzeugt eine Intensität, der man sich am Ende nur schwer entziehen kann. Bravo!


Damit die Angst wachsen kann

Angelika Drnek
NEUE Vorarlberger Tageszeitung | Kultur
22. Jänner 2013

Sklaven unter sich: Wenn die Kühltruhe wimmert und die Freiheit wehtut: „Anna und Martha. Der dritte Sektor“ feierte Premiere im Alten Hallenbad

„Segne mich, du Arschloch!“ schimpft die Köchin Martha. Gott aber segnet Martha nicht, sondern verpasst ihr mit dem Schwert einen Ritterschlag, der sie ihr ganzes Leben lang adeln wird: Ein Hüftleiden trägt sie von nun an mit sich herum. „Das Zeichen meiner Versklavung“ nennt sie ihre Behinderung später.

Martha, gealterte Köchin, und Anna, die ebenso alte wie kurzsichtige Näherin im Hause des „Herrn und der Frau“, sitzen vor der Tiefkühltruhe und warten. Soweit die Ausgangssituation von Dea Lohers „Anna und Martha. Der dritte Sektor“, das am Samstagabend vom Projekttheater Vorarlberg aufgeführt wurde. Unter der Regie von Nestroy-Preisträgerin Susanne Lietzow (für die Produktion „How much Schatzi“ aus dem Jahr 2006) traten Schauspielerin Maria Hofstätter (Martha) und Kollegin Martina Spitzer an, um sich zwei Stunden lang zu zerfleischen – höchst erfolgreich übrigens.

Jahrzehntelang von der zynischen Herrschaft ausgepresst wie Zitronen, bezahlt mit Kost, Logie und Taschengeld, horchen Anna und Martha auf das Wimmern aus der Tiefkühltruhe. „Atmet sie noch?“ In der Truhe liegt, man weiß nicht warum, die Herrin. Solange diese noch von sich hören lässt, gehen Anna und Martha mit ihr ins Gericht – und das nicht gerade zimperlich. Wie zwei aufgestachelte Bulldoggen fallen sie zuerst über die Herrschaft und dann über sich selber her, denn was Anna für Martha ist, ist Martha auch für Anna: Ein Spiegelbild des eigenen verpfuschten Lebens – gefangen im dritten Sektor, dem Dienstleistungsmarkt. „Mit dem Putzen beginnt der Kapitalismus“, weiß Martha, doch wenn die Herrin stirbt und die Freiheit winkt, fragen sie: „haben wir dann noch eine Geschichte?“

Worte aus Gift
Lietzow und Ausstatterin Marie Luise Lichtenthal lassen die beiden Frauen in jener Farbe auftreten, die auch ein Attraktivitätsbarometer ist: je mehr beige, desto älter. Ihrem öden, eingeschlafenen Erscheinungsbild steht ihr von Hass, Verachtung, Boshaftigkeit und Angst grell leuchtendes Innenleben gegenüber. Maria Hofstätter brilliert als plump-derbe Köchin, die keinen Kochlöffel braucht, um andere zu vergiften. So gesteht sie der unter einer Hundephobie leidenden Anna, dass sie es war, die der Herrin einen Hund eingeredet hat: „Ein kleiner Hund, der noch wachsen wird, damit deine Angst auch Gelegenheit hat zu wachsen.“ Jede Geste, jedes Wort, jeder Blick sitzt, da gibt es keine Schlamperei. Wie auch bei Martina Spitzer, die der Anna eine hochneurotische, heuchlerische und schließlich tierisch-brutale Note zu geben versteht – und dabei immer noch elegant aussieht.

Anna und Martha sind allein. Nur gelegentlich kommt die Putzfrau Xana (Martina Spitzer) vorbei – ausgestattet mit einer monströsen Rastalockenperücke, die Bilder der freien sowie der unfreien „Wilden“ evoziert: Sie wird von Martha regelmäßig aufs menschenverachtendste in den Dreck getreten: „Dumm wie Staub“ ist da noch eine Nettigkeit. Trotzdem ist es gerade diese Figur, die am Ende die größte Freiheit zu besitzen scheint.

Ein Theaterabend der ungemütlichen Art: Lohers Sprache zerfetzt alles in der Luft, was auch nur annähernd als zwischenmenschlich wohltuend gelten könnte und zeigt, dass Bindung nicht nur über Wärme, Verständnis und Liebe funktioniert. Das Publikum reagierte auf den von Lietzow wie aus einem Guss umgesetzten Text mit langem Applaus und vielen Bravos.


Böse Totenwache

Das Projekttheater zeigt Dea Lohers „Anna und Martha“

Petra Nachbaur
Der Standard | Kultur
23. Jänner 2013

Feldkirch – Wenn es eine Steigerung von schwarzem Humor gibt, so muss dieser beige sein. Die Unfarbe der Stützstrümpfe, des Langweiligen, Vergilbten und Ausgemergelten dominiert den Look von „Anna und Martha“ im gleichnamigen Stück von Dea Loher. In Gehabe und Wortwahl freilich sind Köchin und Näherin, beide betagt, alles andere als fad. Faustdick hinter den Ohren haben`s die beiden schimpfenden Schabracken: Es rumpelt in der Tiefkühltruhe. Während im Gerät gestorben wird, rechnet das Personal ab. Mit der verhassten „Herrschaft“ und der gelittenen Kameradin.

Maria Hofstätter und Martina Spitzer verkörpern die Megären des Mangels. Noch im kleinsten Schnauber oder Grunzen, Augenrollen oder Stirnrunzeln stecken Jahrzehnte angestauter Aggression und intimer Kenntnis. Voll bockigem Grimm hält Hofstätter die Arme vor der Brust verschränkt, während Spitzer in piesackender Eloquenz sich ereifert, bis sie nach der Verhöhnung ihres toten Sohnes durch Martha deren Geh- zum Schlagstock macht.

Wenn`s gegen das Gesindel geht, ist das Gesinde groß: Die Putzfrau „aus einem Ausland“ wird drangsaliert und diffamiert. Umso eindringlicher gerät dies, als Susanne lietzows Inszenierung Anna selbst zu Xana wird. Sie stülpt sich eine schwarze Häkelperücke mit Augenlöchern (Kostüme: Marie Luise Lichtenthal) über, es entsteht eine Afro-Burka. Mit Ost-Akzent spricht`s heraus aus einem Faschingszombiemund: Beklemmendes im Märchenmodus.

Dea Lohers Prolog und Nachsatz werden in bewegtem Sepia auf den Gefrierschrank projiziert (Videos: petra Zöpneck): Ein bis auf weiße Zotttelmoonboots nackter Gottvaterguru im Clinch mit Martha, die ihn zu Erik Saties sanften Klängen lästerlich herausfordert und malträtiert.

Zuletzt erlaubt sich das Projekttheater, das Maria Hofstätter gemeinsam mit Dietmar Nigsch leitet, einen versöhnlichen Ausblick: Ausflug am Seeufer. Inklusive Rollstuhl, inklusive (nicht umgekommene) Xana, kurz im Bild „Meier Ludwig“. Dessen weitere Aktivitäten dampft die Dramaturgie ein auf zwei düstere Ansprachen: Als trauriger Anit-Muppet nutzt die Puppe mit Maria Hofstätters Stimme die Gefriertruhe als Bühne.


Eine äußerst geglückte Reanimation

Starker Auftritt: Premiere des Projekttheaters

Christa Dietrich
Vorarlberger Nachrichten | Kultur
21. Jänner 2013

Projekttheater ist mit Dea Lohers „Anna und Martha“ ins Hallenbad zurückgekehrt.

Feldkirch. Keine Frage, es ist vor allem Maria Hofstätter, die dem endlich wieder aktiven Projekttheater Vorarlberg zurzeit enormen Zulauf beschert. Aber nicht nur die Begegnung mit der aus Linz stammenden, in Vorarlberg beliebten und für ihre Rolle in Ulrichs Seidls Film „Paradies: Glaube“ gerade gefeierten Schauspielerin macht die neue Produktion sehenswert. „Anna und Martha. Der dritte Sektor“ zählt bereits zu den etwas angestaubten Stücken der viel schreibenden und viel gespielten deutschen Autorin Dea Loher (48).
Es zu einem spannenden Abend zu reanimieren zu können, ist eine Herausforderung, die die seit Jahren im Ensemble des Projekttheaters tätige Regisseurin Susanne Lietzow im Vertrauen auf die Leistung von Maria Hofstätter und Martina Spitzer annehmen kann.

Kränkelndes kompensiert
Dea Loher, für die Regisseur Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater Berlin beispielsweise die schönste vertikale Drehbühne aller Zeiten bauen ließ, hat ihre Sprache mit dem Episodenstück „Diebe“ (uraufgeführt 2010) und erst im vergangenen Jahr mit „Am schwarzen See“ enorm verfeinert. Vor mehr als 10 Jahren, als das Thalia Theater in Hamburg unter dem auch in Bregenz bekannten Regisseur Dimiter Gotscheff ihren „Dritten Sektor“ zur Uraufführung brachte und mit Hildegard Schmahl immerhin eine der stärksten Kräfte des Hauses ins Rennen schickte, galt sie noch zu Recht vor allem als Autorin betrüblicher Verhältnisse, deren Figuren mitunter wenig Wandlungspotenzial innewohnt.
Dass dieses Stück über die Köchin Martha und Schneiderin Anna ob dieser Eindimensionalität ein wenig kränkelt, hat die Regie tunlichst zu kompensieren versucht. Lietzow und ihre Ausstatterin Marie Luise Lichtenthal hatten sich zudem vorgenommen, mit nur zwei Schauspielerinnen auszukommen. Für den Chauffeur, den die Autorin bereits als Hund dargestellt haben wollte, gibt es eine grandios gebaute Puppe, der Part der Putzfrau wird mit einer Maske plausibel gemacht. Eine Viedeoeinspielung dient der Darstellung des Vorlebens bzw. der Gefühlswelt.

Machtstrukturen
Der große Rest ist von zwei Personen auszufüllen, die im Großen und Ganzen das darzustellen haben, was die Machtstrukturen im Kleinen – also jene im engen Umfeld bzw. in den Haushalten – mit den Menschen und aus den Menschen machen.
So haben wir es also zwei Stunden lang mit zwei reichlich deformierten Personen zu tun. Die Freiheit, die den Frauen, der jahrzehntelang in einem Lohnverhältnis stehenden Köchin und der Schneiderin angesichts des Dahinscheidens der Herrschaft zuteil geworden ist, wird eher als Last empfunden, denn das Ausmaß der eigenen Schuld wird nicht erkannt. Während die Dame des Hauses in der Gefriertruhe die letzten Atemzüge tut und dieser Tod als Symbol der allumfassenden Abhängigkeits- und Unterkühltheitsmisere im Raum steht, werfen sich Anna und Martha Vergangenes an den Kopf. Da sich kein Bewusstsein für Versäumtes einstellt, werden die Ausdrucksweisen und Handlungen zusehends rauer. Hofstätter gelingt eine Studie der Verbohrtheit, Spitzer kontert mit Larmoyanz, die sich einmal kurz zu einem Gewaltausbruch zuspitzt.
Skurril überzeichnet ist das Ambiente, beängstigend real sind die Momente, die den beiden Schauspielerinnen gelingen. Und hier liegt auch die Stärke des Abends.
Dea Lohers „Der dritte Sektor“ ist nicht unbedingt umlegbar auf Strukturen heutiger Arbeitswelt und wirkt als Abbild eines Gutsherrenhaushalt überholt, die einzelnen Figuren, die sie entwirft, haben allerdings in ihrer Verhärtung und verlorenen Flexibilität Entsprechung in der Gegenwart. Das transparent zu machen, ist das Ziel des Abends. Heftiger Applaus hat die Erreichung desselben bezeugt.


Erfolg für Vorarlberger Projekttheater-Premiere „Anna und Martha“

Das Projekttheater beschäftigt sich mit der Art Brut, nein, mit dem Menschsein.

Paulitsch
Vorarlberg online vol.at
20. Jänner 2013

Mit viel Applaus für die beiden Hauptdarstellerinnen Maria Hofstätter und Martina Spitzer endete am Samstag Abend die Premiere des Projekttheater Vorarlberg.
Regisseurin Susanne Lietzow inszenierte im Alten Hallenbad Feldkirch mit „Anna und Martha. Der dritte Sektor“ eine Geschichte über Verachtung, Erniedrigung, Boshaftigkeiten und Hierarchien.

In Vorarlberg sind 6 Vorstellungen des Stücks von Dea Loher geplant, Wien-Premiere ist am 19. Februar im Theater Nestroyhof-Hamakom. Ein bösartiges Duo ist in diesem Stück am Werk. Aus Rache haben zwei in die Jahre gekommene Dienstmädchen ihre Herrin in die Kühltruhe gesperrt und warten nun auf den letzten Atemzug. Untermalt vom Geräusch des Röchelns der Eingesperrten wird über die vergangenen Jahre philosophiert – die verpassten Chancen, enttäuschte Lieben und ihre Beziehung zur Herrschaft. Was Auslöser für den Aufstand der beiden Frauen war, bleibt unausgesprochen. Nachdem die Herrin in der Tiefkühltruhe endlich tot ist, bestehlen sie diese und ergreifen die Flucht. Ihre große Rebellion gipfelt im letzten Satz „Das Licht lassen wir brennen.“

Maria Hofstätter, die in Ulrich Seidls derzeit im Kino laufenden „Paradies:Glaube“ die Hauptrolle gibt, spielt Martha, eine hüftkranke Köchin. Martina Spitzer schlüpft in die Rolle der Anna, einer kurzsichtigen Schneiderin. Beide Darstellerinnen überzeugen in ihren Rollen und zeigen in fast zwei Stunden eine große Bandbreite ihres Könnens – von bösartig über herrisch und zynisch bis hin zu pointiert und komisch. Auch die Darstellung körperlicher Handicaps geschieht mit einem kleinen Augenzwinkern. Sehr viel Freiraum erhielten die Hauptfiguren dabei von Regisseurin Susanne Lietzow, die zuvor mit Stücken wie „How much Schatzi?“, der „Bettleroper“ oder „Vieux Carré“ viele Lorbeeren erhalten hatte.

Distanziert unterkühlte Atmosphäre
Das Alte Hallenbad in Feldkirch sorgte für eine neutrale Umgebung. Das Bühnenbild von Marie Luise Lichtenthal besteht aus einem Sessel, einer Kühltruhe und Folienvorhängen, was dem Geschehen eine distanziert unterkühlte Atmosphäre verleiht. Für die Ausstattung der beiden Hauptfiguren wählte Lichtenthal sandfarbene Kleidung. Sie macht die beiden damit zu Uniformierten, die dienen und unauffällig im Hintergrund bleiben sollen. Die Erniedrigungen, die die Frauen all die Jahre erlebt haben, geben diese allerdings direkt weiter an ihre Hilfskräfte. Umrandet wird die Vorstellung von Videoeinspielungen. Petra Zöpnek produzierte dazu Kurzfilme in der Ästhetik alter Stummfilme. Das Werk von Dea Loher wurde bereits 2001 im Thalia Theater Hamburg uraufgeführt und legte in der Inszenierung des Projekttheaters einen gelungenen Start in Vorarlberg hin. Ab 19. Februar muss es sich dann vor Wiener Publikum bewähren.


Zwei welkende Schattengestalten proben den Aufstand

Heftig akklamierte Premiere von „Anna und Martha“ im alten Hallenbad

Johannes Mattivi
Volksblatt Liechtenstein | Kultur
21. Jänner 2013

Ihnen wurde nichts geschenkt, also schenken sie sich nichts: Dea Lohers „Anna und Martha. Der dritte Sektor“, die jüngste Produktion des Projekttheaters, feierte am Samstag im alten Hallenbad Feldkirch seine heftig akklamierte Premiere.

Es ist ein bitterböses Kammerspiel für zwei Schauspielerinnen, eine Puppe, eine Maske, zwei Stühle und eine Tiefkültruhe. Mehr braucht es auch nicht für zwei Stunden intensives Sprechtheater, bei dem in einem erstarrten Äußeren alles innerlich passiert. Innerlich in den Erinnerungen, Träumen, Verbitterungen und Wehleidigkeiten der beiden Protagonistinnen, die sich in langen Monologen über ihr vergangenes verpfuschtes Leben auslassen. Und wenn sie in Dialog treten, dann meist nur dazu, um sich in bösen, schonungslos offenen Worten gegenseitig die Seifenblasen ihrer Existenz zu zerschiessen. Wobei Existenz das richtige Wort ist. Denn von Leben kann bei den beiden alternden Dienstmägden Anna (Martina Spitzer) und Martha (Maria Hofstätter) kaum oder kaum mehr die Rede sein. Ihr Leben haben die kurzsichtige Schneiderin und die hüftkranke Köchin nämlich jahrzehntelang fremdbestimmt im Dienst einer reichen Bierbrauer-Herrschaft verbraucht. Bis sie alt und invalid an Körper und Seele wurden.

Aus der Existenz entlassen
Als der alte Bierbrauer schliesslich stirbt, werden sie herrschafts-und richtungslos, werden zu sinnentleerten Inventarstücken im Keller des nun aufzulösenden Haushalts. Das letzte Stück Herrschaft, die Hausherrin, diese ehemalige Hure, die sich mit dem Bierbrauer als Ehemann in ein reiches Leben hochgeschlafen hat, werden sie in einem letzten Akt des Aufstands gemeinsam los: Sie sperren sie in die Tiefkühltruhe und lassen sie darin langsam erfrieren. Das beständige Gewimmer aus der Kühltruhe bildet dann die surreale Begleitmusik zum Sermon der beiden ergrauten Gestalten, die sich in ihren Erinnerungen und Verbitterungen eine kurzfristige Existenz schaffen und darauf warten, dass sie zusammen mit den unter Abdeckfolien lagernden Möbelstücken, unter denen sie sich zu Beginn des Stücks selbst befinden, aus dem aufgelösten Haushalt weggeschafft werden. Eine zwielichtige Rolle – als Puppenfigur und als rituelle Maske – spielen in eingeworfenen Szenen der alte Chauffeur Meier Ludwig, der in 36 Jahren unterwürfigem Dienst zum Hund mutiert ist, und die kaum artikulierte, unterdrückte illegale afrikanische Putzfrau Xana, die als Abstellkammer-Existenz zum Teil des Inventars geworden ist.
Ob der Abgang der beiden alten Dienstmägde gelingt oder ob die letzte Szene, in der sich Anna, Martha und die Putzfrau in einer Video-Einspielung am Ufer eines Sees befinden, ein Traum ist, bleibt offen in dieser skuril-einfallsreichen Inszenierung der bewährten Projekttheater-Regisseurin Susanne Lietzow, im gekonnt minimalistischen Bühnenbild der ebenso bewährten Ausstatterin Marie Luise Lichtenthal. Ein vergnüglich-böser Abend im alten Hallenbad, der noch viermal bis Donnerstag zu erleben ist.


Trostloser geht es nicht

Margit Oberhammer
Dolomiten Kultur
Oktober 2013

Theater: Projekttheater Vorarlberg mit „Anna und Martha. Der dritte Sektor“ zu Gast in Bruneck

BRUNECK. Dea Loher nimmt sich in ihren Stücken der kleinen Leute an, der Armen und Ausgenützten. Es sind vor allem diejenigen, die im sogenannten dritten Sektor arbeiten, dem der Dienstleistung. Es geht um den Sektor, nicht um die Menschen.

Die preisgekrönte Dramatikerin übt Kritik an der Ungerechtigkeit der Welt und macht kein Hehl daraus, dass ihr Weltbild ein düsteres ist. Die Aufführung im Stadttheater Bruneck ( Regie: Susanne Lietzow) steigt mit einem Video in eine Welt ein, in der ein Gott waltet, der seine Untertanen hohnlachend im Stich lässt.

Maria Hofstätter, seit dem Film „Glaube“ geübt in der Rolle der Betenden, hadert mit einem Kasperl-Gott mit Rauschebart. Er macht unmissverständlich klar, dass es für bestimmte Menschen eben kein besseres Leben gibt, weder im Diesseits noch im Jenseits.
Dieser Einstieg und das Ergänzen des ursprünglichen Titels mit den Namen der Protagonistinnen, Anna und Martha, signalisieren, dass die Welt zwar trostlos ist, aber es trotzdem möglich ist, über sie zu lachen. Mit zwei so großartigen Schauspielerinnen wie Maria Hofstätter und Martina Spitzer blitzt selbst in der schwärzesten Groteske so etwas wie Humor und sogar ein Fünkchen Wärme auf.

Die beiden Schauspielerinnen sind mit dem freien Projekttheater Vorarlberg derzeit auf Tournee und haben glücklicherweise in Bruneck Halt gemacht. Die Schauspielerinnen machen sich selbst ihre Frisuren, malen sich die roten Bäckchen und begnügen sich mit einem bescheidenen Bühnenbild. Diese Aufführung macht bei allem Respekt vor den vielen Theaterberufen deutlich, worauf es im Theater wirklich ankommt: auf die Schauspielkunst.

Maria Hofstätter und Martina Spitzer spielen die alten Dienstboten, die Köchin Martha und die Näherin Anna, mit geradezu unheimlicher Präzision so parodistisch, wie es die Komödie verlangt und so glasklar, wie es der Blick durch das sozialkritische Vergrößerungsglas notwendig macht. Martha und Anna warten im Keller auf ein unbestimmtes Ende. Ihre ehemalige Chefin, die Brauereibesitzerswitwe, haben sie in die Tiefkühltruhe verfrachtet. Aus dieser gurgelt, faucht, stöhnt und keucht es, bis gegen Ende hin Ruhe einkehrt. Anna und Martha ziehen sich den Schmuck der toten Chefin an und träumen sich kurz in eine schönere Welt hinein. Anna möchte ihr hässliches Brillengestell loswerden und Martha möchte ans Meer fahren. Sie vertauscht ihre Turnschuhe mit den Stöckelschuhen der toten Chefin und rutscht vor Anna hüftleidend über die Bühne.

Die beiden haben nur die jeweils andere als Zeugin ihres verkorksten Lebens. Das erfüllt sie mit Hass, und trotzdem gibt ihnen das Erzählen Raum. Es befreit sie von der Nylonhaut, unter der sie am Beginn der Aufführung stecken. „Ich hab wenigstens so etwas wie ein Schicksal“, sagt Martha irgendwann. Meist ist eine boshafte Sprache, voller rabenschwarzer Komik, die immer wieder in ein Kläffen ausartet. Ein Hund spielt auch eine wichtige Rolle in diesem Hundeleben. Er gehört dem Chauffeur Ludwig Meier und sorgt bei Anna regelmäßig für Panikanfälle. Sein Besitzer hingegen bei Martha für eine unerwiderte Liebe.

Maria Hofstätter richtet sich den Blusenkragen her, sobald sie – umsonst – auf Meier wartet. Die Aufführung lebt von vielen Details dieser Art. Sobald sich bei Maria Hofstätter die Falten zwischen den Augenbrauen abzeichnen, ist der nächste cholerische Ausbruch nicht mehr weit. Und wenn Martina Spitzer ihren zerstochenen Finger wie eine Trophäe wehleidig vor sich her trägt, kündigt er gleichzeitig Handgreiflichkeiten an. Die sind so heftig, dass man nicht nur die rosaroten Unterhosen sieht, sondern auch die blutenden Zähne, die sich Martha aus dem Mund klaubt.

Martina Spitzer spielt zudem meisterlich eine zweite Rolle, die der ausländischen Putzfrau Xana. Sie stülpt sich eine Maske über den Kopf, an der lange schwarze Zöpfe hängen und stellt das Mädchen von den Sterntalern auf den Kopf. Sie erzählt davon, dass alle ihre Angehörigen „tott“ sind, dass sie alles verschenkt hat und keine Sterntaler in ihre Schürze gefallen sind. Zum Schluss verschenkt sie ihr Leben. Dazu Klaviermusik des „Sehnsuchtswalzers“ wie in Fassbinders „Katzelmacher“. Trostloser geht es nicht. Der Trost ist hier einzig die großartige Theaterkunst.


Eine eiskalte Abrechnung

Oliwia Blender
Drehpunkt Kultur
Die Salzburger Kulturzeit im Internet
12. November 2013

Kleines Theater | Anna und Martha
12/11/13 Maria Hofstätter und Martina Spitzer brillierten in Dea Lohers Stück „Anna und Marta. Der dritte Sektor“ bei einem Gastspiel des Projekttheaters Voralberg am Freitag (8.11.) im kleinen Theater. Komik und Tragik gehen Hand in Hand. Regisseurin Susanne Lietzow gelingt eine Inszenierung, die auf kluge Art karikiert, aber nichts an Tragik und Intensität einbüßt.

Wenn das Warten auf den Tod der Herrin endlich Freiheit verheißt, und das Revue-passieren-Lassen des eigenen Lebens auf eine sinnlose Dienstleister-Existenz reduziert wird, dann ergibt sich daraus unverhofft eine erhellende Darstellung von Machtstrukturen im kapitalistischen System.

Maria Hofstätter (Martha) und Martina Spitzer (Anna) sind bekannt aus Film und Fernsehen und haben erst jüngst ebenfalls gemeinsam in Ulrich Seidls „Paradies: Glaube“ gespielt. Hier auf einer Salzburger Theaterbühne ein seltener Genuss für den Zuschauer: Können auf höchstem Niveau.

Martha, die hüftkranke Köchin unterliegt dem körperlichen Verfall und Anna die hypochondrische Näherin dem seelischen. Beide sind sie alt und Opfer des Dienstleistungssektors – konkret der Bierbaumschen Brauerei. Sie üben Rache, sozusagen Meuterei auf dem Schiff der untertänigen Dienstboten, als Tatwaffe dient dazu eine Gefriertruhe. Diese steht mitten auf der Bühne, zwischen all den von Plastikplanen verdeckten Möbelstücken. Eigentlich warten sie auf die Sanierung, auf das Wegrationalisieren und darauf, endlich der Utopie der Freiheit frönen zu können – am liebsten an der Côte d’Azur.

Während des Wartens erfahren die Zuschauer ihre traurig-triste Lebensgeschichte. Fast schon wie Leibeigene haben sie sich gefühlt: Martha führte eine dienstverhältnis-lange Affäre mit dem Herrn Bierbaum, liebt aber seit über dreißig Jahren den Chauffeur Meier Ludwig, der sie aber nicht wiederliebt. Anna litt unter der tyrannischen Frau Bierbaum, unter deren Geiz und Boshaftigkeit. Martha hatte keine eigene Familie, Anna verlor ihre wegen den Bierbaums. Ihr Leben resümierend und auf den Tod der Herrin wartend, verletzen sie sich gegenseitig gewaltsam und heftig. Sie erkennen ihre eigene Ohnmacht im Leben der Leidensgenossin und verachten sie dafür.

Plakativ wird der Machtmissbrauch auch durch die schwarze Haushälterin Xana. Das Opfer wird selbst zum Täter, denn Martha kompensiert ihre Unzufriedenheit durch Gemeinheiten und Diskriminierung der ausländischen Hilfskraft gegenüber. Ein Querschnitt durch die gesellschaftlichen Klassen wird dem Publikum geboten, wobei selbst der erwähnte Hund sinnbildlich für den treuen und untergebenen Diener steht – der nicht grundlos von Anna verachtet und gehasst wird.

Das Stück überzeugt intelligente Sprachmacht der Worte, die Inszenierung durch das vielfältige sprachliche und darstellerische Ausdrucksvermögen und ihre komödiantischen Talente, die sie nie plakativ ausgespielt, sondern – im Gegenteil – in den Dienst des Abgründigen gestellt haben.


„Anna und Martha“ warteten im Theater Phönix

Margarete Frühwirth
Oberösterreichische Nachrichten
Oktober 2013

Linz. Ein Gastspiel der deutschen Dramatikerin Dea Loher stand kürzlich auf dem Spielplan des Theaters Phönix. „Sie haben nichts zu verschenken, also schenken sie sich nichts“: Anna und Martha warten und erinnern sich vor der Tiefkühltruhe, in der ihre Dienstgeberin – die herrschende Klasse – ihr Leben aushaucht. Die beiden verletzen sich durch Worte, die aus ihnen hervorquellen. Sie sind tragisch und komisch zugleich und haben Angst vor der Freiheit. Annas Mann ist am Alkohol gestorben, Martha hatte ein jahrelanges Verhältnis mit Herrn Bierbaum und eine heimliche Liebe zum Schofför Ludwig. Man sieht ihnen zu – mitleiden oder lachen? Der Ausweg ist, sich an den Darstellerinnen Martina Spitzer und Maria Hofstätter zu ergötzen. Sie proben den Aufstand und wissen doch: „Dann, wenn die Frau tot ist, haben wir keinen Feind mehr außer uns selbst.“ Das „Phönix“ in Oberösterreichs Landeshauptstadt etabliert sich mit diesem Gastspiel – einmal mehr neben seinen unvergleichlichen Eigenproduktionen – als Theater der obersten Liga.



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