Darling I’m in love

Ein deutschsprachiger Liebesliederreigen von den 30er Jahren bis in die Gegenwart

Premiere: 29.Oktober 1996 im Saumarkttheater Feldkirch
Gastspiele 1996/97

Regie: Walter Hiller & Ensemble
Schauspiel & Gesang: Christine Aichberger, Maria Hofstätter, Dietmar Nigsch
Am Piano: Christine Aichberger
Kostüme: Renate Schuler


Pressestimmen

Love-Show in Rosa und Lila
,,Darling, I’m in Love“ wurde vom Projekttheater Vorarlberg am Saumarkt-Theater aufgeführt.

sg
NEUE Vlb Tageszeitung, 31.10.1996

Kitschig, witzig, pointiert, romantisch, sehr rosarot und sehr lila, kraftvoll, trotzig, liebevoll und todtraurig, politisch engagiert und sozialkritisch … und das alles in Form einer Show, eines Musik-Wunschkonzerts mit Live-Schlagern. Geboten wird ein Mix aus hochwissenschaftlicher und praktischer Aufklärung, aus liebevoll präsentierten Annoncen und Love-Songs. Die übliche Dümmlichkeit so mancher ,,Schlager“ wird durch pointierte Interpretationen aufgehoben und karikiert.

Christine Aichberger, Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch präsentieren sich in den Kostümen von Renate Schuler mit jener betonten Künstlichkeit, auf die Regisseur Walter Hillerr besonderen Wert gelegt hat. Diese Künstlichkeit hebt sich wohltuend ab von der künstlichen Natürlichkeit, mit der sonst – zum Beispiel im Fernsehen – vorgegangen wird, wenn es um ,,Liebe“ geht. Gerade dort wird ja, der Romantik und dem Klischee zuliebe, vieles von dem, was interessant wäre, ausgespart, während gleichzeitig, der Geilheit eines fiktiven konformen Heterosexuellen zuliebe, allzuviel gezeigt wird. ,,Darling, I’m in love“ hingegen hat trotz des intimen Themas sozialkritischen Anspruch und ist, trotz Offenheit statt Scheuklappen, zuckersüß. Die Hauptdarsteller dürften es aber ohne Zensur der Texte trotz stimmlicher Brillanz nicht in eine Schlagerparade schaffen. Eigentlich schade.


Banane, Erdbeere oder Schokolade?
,,Darling I’m in love“: fruchtig-schmalziger Projekttheaterangriff auf die Magennerven

Christa Dietrich
Vorarlberger Nachrichten, 31.10.1996

Von der sogenannten ,,Schnuckiputzi“-Sendung (Ö Regional, Samstag abend) weiß ich nur noch, daß sich da irgendwelche Leute übers Radio eine von Flöhen durchbissene Nacht wünschten. Was u. a. den hygienischen Verhältnissen im scheinbar ,,suberen“ Ländle kein gutes Zeugnis ausstellt, ruft wahrscheinlich nur höchst rudimentäre Erinnerungen in mir wach, weil ich zur Hochblüte dieses Unterhaltungsprodukts des heimischen Rundfunks noch nicht in einem Alter war, in dem ,,überbordende Gefühle“ (eine Projekttheater Bezeichnung für Verliebtheit) von Bedeutung sind.

,,Darling, I’m in love“ heißt die neue Produktion des Projekttheaters, was laut Untertitel ,,ein musikalischer Liebesliederreigen“ ist, orientiert sich mehr oder weniger an genannter Sendung. Das Feldkircher Theater am Saumarkt stand am Dienstag abend im Zeichen roter Herzchen und Poesiealbumröschen, denn Christine Aichberger, Maria Hofstätter, Dietmar Nigsch und Regisseur Walter Hiller wollten mit Schlagermelodien, präsentiert auf Wunschkonzertart, schlicht und einfach die ,,verwirrenden irrationalen Gefühle mit all dem Kitsch“ beschwören, ganz egal ob sie nun Männer für Frauen, Männer für Männer oder Frauen für Frauen hegen. Liebe und Triebe, einmal relativ problemlos durch die rosarote Brille betrachtet – das hat vor allem dann was, wenn es gelingt, beglückende Gefühle als Motor des Lebens zu deuten. Daß diese Produktion quasi im Rahmenprogramm zum Schwulen- und Lesbenforum in Dornbirn läuft, läßt die Deutung zu, daß es den Projekttheaterleuten ein Anliegen war, klarzustellen, daß in gleichgeschlechtlichen Beziehungen Zuneigung und Liebe eine ebenso große oder kleine Rolle spielt wie zwischen Mann und Frau. Traurig genug, daß wir in einer Gesellschaft leben, in der es dieser Klarstellung bedarf.

Treffpunkt Bahnhof

Aber zu tiefschürfend sollte der Abend ja nicht werden, und so gab es nur ganz wenige Seitenhiebe in Richtung eines Bürgermeisters, der verordnen will, wie man in seiner Gemeinde zu lieben hat. ,,Darling I’m in love“ ist ansonsten eine Herzblatt-Show, die peinliche Auswüchse der Unterhaltungsindustrie (Gruß ans entzückendste Publikum an allen Orten der Welt) sowie die immer noch nicht ausgestorbenen Kummerkastenonkel ganz ganz sacht aufs Korn nimmt, Schlager seltener persifliert als holprig präsentiert und das Publikum – ,,sie schwingen, wir singen“ – einem schwammigen Gefühl überläßt: nicht Travestie, nicht Parodie, nicht Fisch, nicht Fleisch… Mag sein, daß besagter Schwamm bei mir zu weniger umschmeichelnder als lästiger Übergröße anwuchs, weil ich zu jenen Menschen zähle, bei denen Herzschmerzmelodien (inklusive Kuschelrock 1 bis 100) generell Fluchtmechanismen auslösen. Aber immer hin weiß man jetzt, daß der Traummann der Vorarlbergerin Jeans trägt, volle Lippen hat und Toyota fährt und daß die Bahnhöfe des Landes die beliebtesten Treffpunkte für werdende Liebespärchen sind. Ob die Vorarlberger wissen, dass man Kürbiskernöl am besten oral verabreicht…?

Am Schluß ergoß sich ein Füllhorn über die Saumarktgäste. Mich traf ein Bananen- und ein Erdbeerkondom und ein Milka-Naps. In dieser oder in anderer Reihenfolge?


Geträllerter Dauerbrenner , ,Love'
,,Darling, I’m in love“ als glitzernde Musik-Show am Saumarkt

Edgar Schmidt
VN-Heimat, 14.11.1996

Das zu Recht schon längst renommierte Projekttheater mit Dietmar Nigsch als Hauptprotagonisten verließ kürzlich seinen sonst typischen ,,schweren“ Problemkatalog von Aids bis Judas und Schwab und frönte am Saumarkt zwei starke Abende lang einem ganz anderen Genre.

Christine Aichberger, Maria Hofstätter (zwei der fulminanten Schwabschen ,,Präsidentinnen“) und Dietmar Nigsch erfüllten musikalische ,,Hörerwünsche“ eines imaginären (?) Senders, die alle nur auf eine, nämlich die älteste und schönste Sache seit Adam und Eva(?) fixiert waren, nämlich ,,LOVE“…

Und da diese Show auf der künstlerischen Nebenfront zum Lesben- und Schwulenkongress in Dornbirn stattfand, durfte, mußte ,,Love“ selbstredend ,,mehrdimensional“, auf gut deutsch, auch ,,andersrum“ verstanden werden. Dafür sorgte das in herrlich glitzerndem, rosigem Kitschfummel gewandete Trio, das, maskenhaft-grell geschminkt im Stil der zwanziger und dreißiger Jahre (mit Sprüngen in die heile Liebeswelt der fünfziger), eben diese Zeiten mit schillernden, die Herzen von Herren ebenso wie von Damen killenden Kulturfiguren a la Marlene Dietrich oder Zarah Leander transparent machte.

Strahlende ,,Lolo“

Dietmar Nigsch (,,Lolo“) als kahlköpfiger Beau mit Schmollmundlippen und der sinnlich-schlüpfrigen Ambivalenz von Mephisto, Nosferatu und Batman-Joker in einem wirkte wohl am farbigsten. Und er hatte seine besten Momente, wenn er bei seinen Schlagern – übrigens mit passabler Gesangsstimme – augenzwinkernd offenließ, in welche Richtung von „Love“ seine geschmachteten Begierden abfuhren (,,Johnny, wenn du Geburtstag hast“, ,,So ein Mann“).

Maria Hofstätter (,,Tamara“) lieferte ironisierte Glanznummern etwa mit ,,Ich bin ein Mädchen voller Tugend“ oder ,,Ich will keine Schokolade“. Und Christine Aichberger (,,Amanda“) brillierte am Klavier als versierte ,,Salonpianistin“, aber auch mit der scharfen Nummer ,,Ich fühl mich funky!“ Zu Beginn gab’s eine sehr moderate ,,Rudi-Hymne“ in Richtung Dornbirn, am Schluß einen fruchtigen Kondomeregen auf das Publikum: ,,Liebt euch!“ war die mehrdeutige Message ….. – Daß die reichlich doofen Hörerwunschtexte 1:1 aus einer sonntäglichen Gratispostille stammten, war gewiß die Überpointe der von Walter Hiller im Theater am Saumarkt realisierten ,,liebevollen‘-‚ Musik-Show.



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