Die Wirtin

von Peter Turrini

Ein intensiv, sinnliches Sommertheater mitten in den Bergen!

Premiere: 06. August 1988 im Theaterzelt St.Gerold

Regie: Elmar Drexel
Es spielen: Sieglinde Müller, Dietmar Nigsch, Uwe Kosubek, Alois Frank, Evelyn Blumenau,
Alexander Maria Virgolini, Barbara Fink
Kostüme: Karl Rauskolb

1988 war auch das Gründungsjahr des Kulturvereins PROJEKTTHEATER Vorarlberg.


Pressestimmen

Volkstheater im besten Sinn.

Helene Forcher
NEUE Vlb Tageszeitung 8.8.1988

Die im 16. Jahrhundert entstandene italienische Stegreifkomödie diente als Vorlage für die Inszenierung von Peter Turrinis ,, Die Wirtin“. Ein Stück, das von Wortwitz und Slapstick gleichermaßen lebt, das derb und krachledern auftritt, in dem aber die feingesponnenen Fäden von Ironie und kritischer Selbstbespiegelung ebenso wenig fehlen. In einem Zirkuszelt in St. Gerold wird Theater fürs Volk unter Strapazierung der Lachmuskeln gespielt.

Turrinis Stück ist eine klamaukartige Abrechnung mit den Männern, ihren Wunsch- und Wirklichkeitsphantasien nach Lust und Laster einerseits und Wahrung des äußeren Scheins andererseits. Elmar Drexel, im lnnsbrucker Kellertheater seit Jahren regieerprobt, inszeniert, in dem er reduziert. Er läßt den ungewöhnlichen Aufführungsort wirken und benötigt nicht viele Requisiten: ein Tisch, ein Bett, ein Stuhl. Die Kostüme in der Ausstattung von Karl Rauskolb reduzieren sich ebenfalls auf die Kurzcharakterisierung der einzelnen Personen.

Drexel hat aber einen starken Verbündeten: die ganze Schauspieltruppe, allen voran die beiden Hauptdarsteller Sieglinde Müller als Mirandolina und Dietmar Nigsch als ihr gelehriger Schüler. Sieglinde Müller wächst nach einer kurzen Anlaufzeit perfekt in ihre Rolle hinein. Spachlich sehr überzeugend, verkörpert sie eine heutige Mirandolina, eine Frau, die weiß, was sie nicht will und sich holt, was sie will.

Dietmar Nigsch ist ein sehr ernsthafter Cavaliere, der sich überzeugend vom Frauenhasser in einen liebestollen Narren verwandelt. Ein schauspielerisches Glanzstück ist die Szene, in der er dreimal vergeblich versucht, Mirandolina seine Liebe zu gestehen.
Zwei unnachahmliche Pärchen sind der Marchese und der Graf einerseits und die zu adeligen Damen ,,umfunktionierten“ leichten Mädchen andererseits. Alois Frank und Alexander Maria Virgolini verkörpern die umwerfend komischen Adeligen, die dumm und lüstern, gefräßig und geldgierig auf die vermeintlichen hochwohlgeborenen Fräuleins hereinfallen. Evi Blumenau als Dejanira ist ein absoluter ,,Knüller“ in ihrer Rolle als schlaue Schlampe, ihr zur Seite mit gut gespielter Dämlichkeit Barbara Fink als Ortensia.

Bleibt noch Uwe Kosubek als gevieftes neapolitanisches Schlitzohr Fabrizio, der Schelm des Stückes, der die Verwicklungen so eigentlich ins Rollen bringt. Auch er ist ein wahrer Treffer in seiner Rollenbesetzung.

Mit diesem ,,Zeltfest“ im Großwalsertal ist den Organisatoren eine lobenswerte Initiative geglückt, Volkstheater im besten Sinn des Wortes.


Komödie mit Zirkusflair
Peter Turrinis „Die Wirtin“ im Theaterzelt in St. Gerold

Elke Vogt
Vorarlberger Nachrichten, 09.08.1988

Ein wider Erwarten starker Besucherstrom hatte sich zur Aufführung von Peter Turrinis ,, Die Wirtin“ am Samstag in St. Gerold eingefunden, so daß zusätzlich Bänke im Zirkusflair verbreitenden Theaterzelt aufgestellt werden mußten. Vor vollem ,,Haus“ lag es nun an den Schauspielern, den ,,alemannischen Charakter“ (Zitat aus dem Stück) aus der Reserve zu locken, was auch mühelos gelang. War das Publikum bei den ersten deftigen Sprüchen aus der Turrini-Zotenkiste noch überrascht bis leicht geschockt, bereits nach wenigen Szenen saßen alle in Mirandolinas Gasthaus und erlebten hautnah die Sorgen und Nöte der Akteure – durchwegs erotischer oder finanzieller Natur – mit.

Turrinis ,Wirtin“, auf einer Komödie von Carlo Goldoni basierend, ist commedia dell’arte par excellence, energiegeladenes volkstümliches Schauspiel, das alles auf die Schippe nimmt, sogar das eigene Genre. So wird zwischen- durch das Theater als Illusion entlarvt, zum Beispiel wenn Fabrizio (Uwe Kosubek) verkündet ,,Ich bin in diesem Stück der Kellner“.

Auch mit der spärlichen Kulisse und dem Requisitenumbau vor den Augen des Publikums wird auf herkömmliche dramatische Kniffe verzichtet. Hier gibt es keinen Vorhang, die Zuschauer werden in das Geschehen miteinbezogen, so daß kein Entrinnen von den Verwirrungen der Begierde und Lüsternheit mehr möglich ist.

Im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses steht Mirandolina (Sieglinde Müller), eine Frau ohne Mann, aber dafür mit Gast haus, was sie nicht nur als Lustobjekt attraktiv macht. Ihr stellen der Graf (Alexander Maria Virgolini), der Marchese (Alois Frank) und der Kellner nach, mit wenig Erfolg, denn Mirandolina weiß sich mit Witz, Charme und Ohrfeigen zu wehren. Sogar der Cavaliere (Dietmar Nigsch), ein eingefleischter ,,Weiberfeind“, wird angesichts dieser Teufelsfrau mürbe.

Sieglinde Müller, eine wirkliche Schauspielerin mit ausgezeichneter Artikulation, agiert im wahrsten Sinne des Wortes mit Leib und Seele, und man hat das Gefühl, daß sie mit Mirandolina auch einen Teil ihrer eigenen Person verkörpert.

Uwe Kosubek, Mirandolinas männliches Gegenstück aus der Unterschicht, ist ein ebenbürtiger Partner, ebenso Dietmar Nigsch, dessen Wandlung vom Eisberg zum Vulkan neben vielen anderen burlesken Szenen Anlaß zu Lachstürmen gab.

Daneben erscheinen Alois Frank und Alexander Maria Virgolini sowie ,,Dejanira“ Evi Blumenau und ,,Ortensia“ Barbara Fink als dumme, penetrante ,,Adelige“ vielleicht um eine Spur zu überzeichnet, was aber durchaus Absicht gewesen sein kann. Denn die Sympathie Turrinis gilt dem Proletarier, der sich in ,,Die Wirtin“ wohltuend von hochgestochener Dekadenz abhebt.

Insgesamt war der Abend ein voller Erfolg, was, unter anderem der nicht enden wollende Beifall und die Bravorufe am Schluß bewiesen. Besonders freut man sich auch darüber, daß hier eine Gruppe von jungen Schauspielern, anstatt der geographischen und gesellschaftlichen Enge ihrer Heimat für immer zu entfliehen (Sieglinde Müller und Dietmar Nigsch stammen aus dem Großwalsertal), zurückgekehrt ist, um hier eigenwillige Kultur zu vermitteln. Die Bretter, die die Welt bedeuten, standen am Samstag in St. Gerold.



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