Dossier: Ronald Akkermann

von Suzanne van Lohuizen

Eine ungewöhnlich aufregende Geschichte zwischen einem Mann und einer Frau.
Sie treffen sich im Niemandsland… in ihrer Wohnung… in ihrer Vorstellung? Denn er ist eben beerdigt worden uns sie kommt gerade von seinem Begräbnis nach Hause. Zögernd entspinnt sich ein Dialog zwischen beiden, auf den sie sich zunächst nur ungern ein einlässt, de er aber voranzutreiben versucht. Den schliesslich war er ihr Patient, in den sie sich letztlich verliebte, sie seine Krankenschwester.
Was beide zu ihren Lebzeiten nie gemacht hatten, beginnt jetzt: Sie reden über ihre verletzten Gefühle, über unterdrückte Wut und Trauer, und vor allem reden sie zum ersten Mal über ihre gegenseitige Zuneigung. Beide reflektieren zum ersten Mal die emotionellen Verletzungen, die ihnen von anderen wegen seiner Krankheit zugefügt wurden, denn er starb an Aids.

Premiere: 12. Juni 1997 im Saumarkttheater Feldkirch
Gastspiele 1997/98 (100 Vorstellungen!)

Regie: Walter Hiller
Es spielen: Maria Hofstätter, Dietmar Nigsch
Ausstattung: Renate Schuler
Musik: Dietmar Schicke


Pressestimmen

Dialog über den Schmerz

Claudius Baumann
NEUE Vlb Tageszeitung, 14.06.1997

Die neue Produktion des Projekttheaters belegt wieder, daß die intensivsten Theaterabende hierzulande von sogenannten „freien Gruppen“ gemacht werden.

Wäre man dem Zynismus verpflichtet, so müßte man sagen, daß die restriktive Subventionspolitik des Landes, die Gruppen wie dem Theater Kosmos oder eben dem Projekttheater Vorarlberg das (Über)Leben schwer macht, offenbar jenen Leidensdruck erzeugt, den manche Künstler zu benötigen scheinen, um zu hervorragenden Ergebnissen zu kommen. Aber:,,survivre n’est pas vivre“, und deshalb ist gerade angesichts einer Produktion wie „Dossier: Ronald Akkerman“ nicht nur zu wünschen, sondern zu fordern, daß Gruppen wie dem Projekttheater und dem Theater Kosmos künftig Arbeitsbedingungen zu ermöglichen sind, die diesen Gruppen hinsichtlich ihrem künstlerischen Stellenwert auch nur annähernd entsprechen. (Von Vergleichen mit der Bezuschussung der Hochkultur-Mainstream-Kulturträger des Landes ist an dieser Stelle abzusehen.)

Die neue Produktion des Projekttheaters ist ein Schulbeispiel dafür, warum solchen Initiativen noch mehr (staatliche) Wertschätzung entgegen gebracht werden muß: 1). Mut: Während sich beispielsweise das Landestheater an das Thema Aids gerade noch bis zum (in diesem Falle äußerst peinlichen) Populisten Felix Mitterer und dessen ,,Abraham“ vortraut, wählte das Projekttheater mit Suzanne van Lohuizens ,,Dossier: Ronald Akkerman“. 2). Klugheit: Diese Entscheidung ist auch deshalb zu begrüßen, weil sie das Gespür des Duos Hiller/ Nigsch belegt, mit dem neue Texte ausgesucht werden. Das Thema Aids ist vom zeitgenössischenTheater (und mehr noch vom Hollywood-Mainstream) inzwischen so breitgetreten worden, daß nur mehr Magerquark herauskommt (siehe Mitterer). Lohuizens Text wirft neue Aspekte auf, weil er sich eines dramaturgischen Kunstgriffs bedient.

Aidstoter & Krankenschwester

Ein Mann ist an Aids gestorben. Seine Krankenschwester ist auf dem Weg von seinem Begräbnis nach Hause, da taucht er plötzlich vor ihr auf. Zwischen der Krankenschwester und ihrem Ex-Patienten entwickelt sich ein filmschnittartig strukturiertes Gespräch, das in all seinen Aspekten wie ein Dialog über den Schmerz erscheint: Es geht um Verletzungen, die man einander bewußt oder unbewußt zugefügt hat, es geht um Heimlichkeiten, unterdrückte Gefühle, verpaßte Chancen, verdrängtes Leiden aneinander und füreinander, zerstörte Illusionen und Hoffnungen. Wenn der Begriff ,,betroffenmachend“ für einmal an dieser Stelle positiv besetzt sein soll, so in Zusammenhang mit diesem Text.
3).Qualität: Dies betrifft sowohl die sensible, zurückhaltende Inszenierung, die ohne (sich anbietende) Effekte auskommt, und dies betrifft zwei wunderbare Schauspieler: Sowohl Maria Hofstätter als auch Dietmar Nigsch sind aus früheren Projektheater-Produktionen in bester Erinnerung und belegen erneut ihre große Darstellerkunst. Mehr davon wäre immer noch zu wenig.


Die Jagd nach dem Seelenfrieden

Thomas Serner
Kronenzeitung OÖ

Eine Halluzination wird leibhaftig, als der verstorbene Patient zur Krankenschwester zurückkehrt, die ihn betreut hat. Gemeinsam erörtern sie in „Dossier: Ronald Akkerman“ von Suzanne van Lohuizen das Ambivalente im Umgang von Aids. Das Projekttheater Vorarlberg stellte das Stück im Steyrer AKKU vor.

Die Niederlande beweisen sich in vielem durch eine andere, progressivere Haltung. Die Dramatikerin Suzanne van Lohuizen hat in den Kanon jener Dramatiker, die Aids als Phänomen unserer Zeit auf die Bühne stellen, eine geradezu stille Reflexion gesetzt, einen Dialog mit verschiedenen Sprachebenen. Er, der Patient, eben erst begraben, nachdem er sich für Sterbehilfe entschieden hat, trifft auf sie, seine Krankenschwester; Nachtigall nennt er sie liebevoll. Die Selbstbeobachtung greift in Sätze, die sie in der zweiten Person an sich selbst richtet.

In der Inszenierung durch das Projekttheater Vorarlberg ist das schonende Weiß des Krankenhausmilieus in drei geweißelte Stühle verdrängt. Maria Hofstätter im Nadelstreifkostüm und Dietmar Nigsch im Freizeitleinen jagen nach dem Seelenfrieden des Ronald Akkerman und entfalten dabei die Geschichte einer Zweierbeziehung in allen Färbungen. Ehezwist schwingt genauso mit wie Haß, der aus unausgesprochenen Vorurteilen erwächst. Sicherlich könnte man der Autorin da und dort auch Leere im Text unterstellen, Nigsch und Hofstätter spielen diese Passagen aber als Unvermögen aus, sich in gewissen Aspekten auszudrücken.


Dialog über Scham und Schmerz

Edith Rabenstein
Neue Passauer Presse, 16.02.1998

Suzanne van Lohuizen gehört zur Zeit zu den meist gespielten Stückeschreiberinnen. Die Niederländerin greift immer brandaktuelle Themen auf, so Aids im „Dossier: Ronald Akkerman“, das das Projekttheater Vorarlberg am Samstag und Sonntag abend im Passauer Scharfrichterhaus zeigte.

Walter Hiller inszenierte das Zwei-Personen-Stück schlicht, fast unaufgeregt, in Kammerspie1manier. Seine beiden Hauptdarsteller kamen mit wenigen Requisiten wie Stühle, das Krankendossier, Zigaretten und einem Fotoalbum aus. Dies ermöglichte dem Zuschauer eine stringente Konzentration auf den Text, der ein Dialog über Scham und Schmerz ist, ausgelöst durch die Krankheit Aids. Sie, die Krankenschwester, und er, der Aidspatient, konnten einander im Leben nicht sagen, wer sie wirklich waren – und so versuchen sie es nach seinem Tod, nach seinem Begräbnis, indem er bei ihr zu Hause erscheint. Beide sind zueinander verurteilt und können dies nicht erkennen.

Maria Hofstätter ist ganz ,,anständige Nachtigall“. In ihrem Stewardessen-Kostümchen zieht sie sich auf ihre Professionalität und ihren Sarkasmus zurück, läßt Gefühle kaum zu, vollzieht wenige und knappe äußerliche Handlungen – wie das wütende Ordnen des Dossiers -, um Gefühle zu unterdrücken. Am Schluß zieht sie sich die ,,Zwangsjacke“ ihrer Pflicht aus und erkennt ihre Gefühle.

Dietmar Nigsch macht die Sensibilität und Zerrissenheit dieses aidskranken Ronald sehr fein deutlich. Dessen Verletzlichkeit versteckt er hinter permanenter Uberheblichkeit und Distanzierung. (…) Alles in allem ein überzeugender Theaterabend.


Kritik in Kürze

MR
Kronenzeitung, 05.03.1998

Die enge Beziehung zwischen einem pflegebedürftigen Aids-Patienten und seiner Krankenschwester stand im Mittelpunkt eines ungemein dichten und geradlinigen Theaterabends im Grazer Theatercafe. Autorin Suzanne van Lohuizen hat ihr Stück ,,Dossier: Ronald Akkerman“ allerdings nach dem Tod des Patienten angesiedelt, schafft so eine irreale Situation, die sich jeglichen Kitsches und Pathos‘ verweigert. Auf Requisiten oder Ausstattungsfirlefanz wurde komplett verzichtet – die Schauspieler blieben auf sich selbst angewiesen. Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch vom ,,Projekttheater Vorarlberg“ gestalteten ihre Rollen mit höchster Eindringlichkeit und in bedrückender Präsenz. Ein spannendes Theater-Ereignis.


Schöne, einfache Liebesgeschichte

Christa Dietrich
Vorarlberger Nachrichten, 14.06.1997

„Dossier: Ronald Akkerman“ ist ein dichtes Kammerspiel, eine einfache Liebesgeschichte und ein Problemstück, das vieles von dem berührt, was heutzutage nicht zu oft thematisiert werden kann: Obwohl man scheinbar über alles reden kann, Psychoseminare und Lebenshilfeliteratur, die Sichentblößen fordern, und auch in TV-Sendungen bis zum Brechreiz „getalkt“ wird, bleibt Wesentliches unausgesprochen.

Wenn Suzanne Lohuizen in ihrem Stück nun einem an den Folgen von Aids Verstorbenen noch einmal die Möglichkeit gibt, sich mit jener Frau, die ihn monatelang gepflegt hat, zu treffen, mag das den Eindruck erwecken, daß hier vorwiegend Klischees breitgetreten werden. Genau das passiert ihr aber nicht, obwohl oft zitierte Vorurteile oder an sich bekannte Ängste thematisiert werden. Die Begegnung von Ronald (Dietmar Nigsch) und Judith (Maria Hofstätter) verläuft so, daß die Vergangenheit mit jenen Mechanismen, die zwischen der Pflegenden und dem Kranken ablaufen, konkret faßbar wird, während wir die einfach konstruierte Annäherung erleben.

Nichts Banales

Judith benennt das, mit dem sie sich während der Pflege auf Distanz hielt (etwa die routiniert ausgeführten, alltäglichen Tätigkeiten), er reagiert mit dem Zynismus, hinter dem er sich als unheilbarer Kranker verschanzen konnte. Daß die Regie (Walter Hiller) dies wie Rituale zelebrieren läßt, ist gut nachvollziehbar und unterstreicht den Versuchscharakter. Wenn die Aufzählung der Handlungsabläufe allerdings so stark betont wird, tritt der Effekt mitunter ins Leere, und auch er schafft die Übergänge zwischen gespielter Haltung und Losgelöstheit von allen Konventionen nicht immer problemlos. Hier war die Angst auf eine banale Betroffenheitsschiene abzudriften wohl zu groß, obwohl Hofstätter und Nigsch den Eindruck vermitteln, daß ihnen das ohnehin nicht passieren könnte.

„Dossier: Ronald Akkerman“ ist ein anspruchsvoller Text und kein herkömmliches Problemstück, Marke modernes bzw. kritisches Volkstheater. Es vermittelt dennoch auf recht einfache Weise den entscheidenden Beitrag des Theaters zur Lebensbewältigung. Es wäre daher zu wünschen, daß dem Projekttheater gerade von Seiten der im Sozialbereich Tätigen (oder des Landes, wo die Aktion „Mit Menschen pflegen“ gestartet wurde) entsprechende Aufmerksamkeit in Form von Auseinandersetzung mit der Produktion zukommt.


Dialog mit einem Toten

Edgar Schmidt
VN-Heimat, 19.06.1997

Im Feldkircher Theater am Saumarkt hatte das packende Zweipersonen-Stück „Dossier: Ronald Akkerman“ der bekannten Autorin Suzanne van Lohuizen kürzlich erfolgreich Premiere.

Die von Walter Hiller inszenierte Produktion des Projekttheaters Vorarlberg mit Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch als Protagonisten ist nun auf der Probebühne des Kornmarkttheaters zu sehen.

Stimme von „drüben“

Ulrich Plenzdorf verfährt mit seinem Edgar Wibeau in den populären „Neuen Leiden des jungen W.“ ähnlich wie die niederländische Autorin Suzanne van Lohuizen mit ihrer Figur Ronald Akkerman im gleichnamigen Drama: Über ein abgeschlossenes Leben (ein Tagebuch als „Dossier“) wird aus der Perspektive des Drüben reflektiert, und dabei erhält vieles erst Transparenz, was alltägliche Konventionen im zwischenmenschlichen Bereich verdunkelt hatten. Nach seinem Tod und Begräbnis tritt der homosexuelle und aidskranke Ronald seiner ehemaligen Krankenschwester Judith, die er stets „Nachtigall“ nannte, gegenüber.

Zwiegespräch

In dem ebenso realistischen wie berührenden Dialog auf verschiedenen Ebenen leuchtet die Autorin in die Geheimnisse, Abgründe, Verletzlichkeiten, aber auch zart blühenden Schönheiten zwischenmenschlicher Beziehungen aller Spielarten. Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch imaginieren höchst eindrücklich ihren dialogischen Balanceakt zwischen Wut, Angst, Verbitterung, Schmerz, Sehnsüchten, Trost, Hoffnung und – Liebe. Regisseur Walter Hiller läßt das 22 kurze Szenen umfassende Zwiegespräch mehrmals dramatisch kulminieren, daneben besitzt die Sterbeszene „in Memoriam“ aber geradezu leisen morbiden Charme.



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