Ein Fest für Boris

von Thomas Bernhard

Eine Koproduktion mit dem Theater am Kirchplatz, FL-Schaan

Ein Fest für Boris. Es ist das Geburtstagsfest eines beinlosen Krüppels, der vor Jahren von einer ebenfalls beinlosen Frau, der „Guten“, wie sie im Stück heißt, aus einem Krüppelasyl heraus geheiratet worden ist. Dreizehn weitere Beinlose, die noch immer im Asyl wohnen müssen, sind seine Gäste.

Premiere: 23. September 1998 im TaKino in FL-Schaan

Regie: Walter Hiller
Es spielen: Dietmar Nigsch, Renate Köhn, Maria Hofstätter, Robert Kahr, Christian Lemperle, Brigitte Walk, Annelies Andujar, Hanno Dreher, Robin Hemmer, Julius Meier, Andreas Oesch, Klaus Schulz, Wolfgang Schnetzer
Ausstattung: Renate Schuler
Musik: Dietmar Schicke
Technik: Frank Schwarz


Pressestimmen

Gewalt der Sprache

Gerolf Hauser
Liechtensteiner Volksblatt, 25.09.1998

Nun war es also so weit: Vergangenen Mittwoch abend feierte die Co-Produktion des TaK mit dem Projekttheater Vorarlberg, unter Beteiligung liechtensteinischer Mitwirkender, mit Thomas Bernhards erstem Theaterstück «Ein Fest für Boris», für das er 1971 mit dem Grillparzer-Preis ausgezeichnet wurde, Premiere im TaKino.

«Mit dem Probenvorlauf dieser Eigenproduktion zieht etwas in das TaK ein, was nicht nur das Theater selbst lebendig macht, sondern die das Haus umgebende Theaterlandschaft», sagte Intendant Georg Rootering. Mag sein – klar aber ist, daß die Bühne bei diesem Stück von Leben nur so sprüht, von grotesk überzeichnetem Leben, aufrüttelndes Gift versprühendem Leben.

Totes Abendmahl

Während der ersten beiden Szenen bleibt Leonardo da Vincis Abendmahl als Bild an der Wand hängen, während Renate Köhn als die «Gute» in end- und maßlos verletzenden, beleidigenden Tiraden ihre physische wie psychische Ohnmacht auslaßt an ihrer Dienerin Johanna (Maria Hofstätter). «Sie sind in meinen Besitz übergegangen», sagt die in gleichbleibender Stimmhöhe bis zur Unerträglichkeit schreiende Gute, wissend, daß dies nicht stimmt. Denn Johanna, stumm und starr, mit abgezirkelten Bewegungen, weiß, dass die Gute recht hat, wenn sie von der Finsternis spricht, alles als ein Spiel bezeichnet. Ein Spiel, in dem Johanna mit stoischer Ruhe dem Gezeter der Guten alle Kraft nimmt. Maria Hofstätter gelingt es perfekt, diese stumme Gewalt darzustellen, unterbrochen nur von hervorragender Mimik wie Gähnen oder eingeschlafene Beine aufwecken.

Regisseur Walter Hiller vom Projekttheater Vorarlberg setzt bei der Rolle der Guten ganz auf Lautstärke. So hat Renate Köhn, da ihr der Rollstuhl Bewegungsausdruck nimmt. wenig Chancen, mit feinen, aber um so schmerzhafteren leisen Nadelstichen Bernhards Sprache auszukosten. Wunderbar dagegen die sich abwechselnden Licht- und Schattenbahnen, Macht und Ohnmacht aufzeigend.

Lebendiges Abendmahl

Dann die lange Tafel mit den neun Gästen aus dem Asylheim, links die Gute, rechts Johanna. an einen Rollstuhl gefesselt, in der Mitte der schneeweiß gekleidete, stumm mit dem Kopf ja oder nein sagende Boris (Dietmar Nigsch), dessen Geburtstag gefeiert wird ein absurd lebendiges Abendmahl. Lebendig? Auch hier überzeichnet Walter Hiller grenzenlos. allerdings mit einer hervorragenden Dynamik. einem Wechsel zwischen schmerzhafter Lautstärke und fast unhörbaren Tiefschlägen. So wie da Vincis innovative Technik (Tempera auf Stein) starke Verfallserscheinungen am Fresko bewirkten, so zeigt Walter Hitler mit den Bernhard-Texten die Verfallserscheinungen unserer Gesellschaft. «Krüppel bevölkern Bernhards Welttheater», schreibt der Regisseur, «Krüppel mit körperlichen Defiziten, mit seelischen und geistigen Defiziten. Kunstkrüppel – der deformierte Mensch in einer zur Künstlichkeit gesteigerten Welt». Nicht die Krüppel sind die Verfallserscheinung. sondern unsere Welt mit der alltäglichen Herrschsucht, mit der Freude am Leid der anderen, mit dem nicht allein sein können. der Unfähigkeit tätig zu sein, sich in Träumen zu erschöpfen – all dies überdeutlich bloßgestellt durch die «Krüppel», Bernhards gewaltiger Sprache, von Walter Hiller umgesetzt in eindrückliche Bilder, gefüllt von großartiger schauspielerischer Leistung.


Thomas Bernhards "Fest für Boris" erschütternd inszeniert

hfh
Liechtensteiner Vaterland, 25.09.1998

Mit anhaltendem Beifall dankte am letzten Dienstag das Publikum im vollbesetzten TaKino für die erschütternde Liechtensteiner Premiere von Thomas Bernhards Schauspiel „Ein Fest für Boris“.

Walter Hillers Inszenierung ist eine Gemeinschaftsproduktion des heuer zehn Jahre alten „Projekttheaters Vorarlberg“ und des Theaters am Kirchplatz. Dank ausgezeichneter Besetzung der Hauptrollen kamen des Autors Ideen gut zur Geltung, nämlich Provozieren, Protestieren gegen Vereinsamung in einer dialogarmen Gesellschaft, Sehnsucht nach Erlösung, Anklagen einer sich selbst zerstörenden Welt und Streben nach Neuem.

Die Fabel

Im Mittelpunkt des 1967 geschriebenen, 197O in Hamburg uraufgeführten, 1971 mit dem «Grillparzer-Preis» ausgezeichneten Dramas steht eine wohlhabende, intelligente Frau, die bei einem Unfall beide Beine und den Gatten verloren hat, wodurch ihr Leben und ihr Verhalten total verändert sind. Die an den Rollstuhl Gefesselte ist keines Dialogs mehr fähig.

In ihrer Einsamkeit und Ruhelosigkeit versucht sie, sich abzulenken, indem sie viel liest, sich Illusionen eines feudalen Lebens macht, einen Maskenball als «Königin» besucht, den beinlosen Boris aus dem Asyl-Heim herausheiratet, ihre Pflegerin Johanna wie auch den Gatten grausam tyrannisiert und schließlich ein großes Geburtstagsessen für Boris mit beinlosen Krüppeln organisiert. Gesunde Menschen erträgt sie nicht mehr um sich.

Während des Essens bricht Grauenvolles aus den Leidenden hervor:
Die Betten, von ihnen als Kisten bezeichnet, sind viel zu kurz. Das »Heim» ist furchtbar unsauber, die Behandlung unmenschlich; es gibt keine Anregungen. Die Krüppel haben makabre Träume von gesunden Beinen und Beschwerde-Schreiben an den Direktor und die Behörden. Sie offenbaren voreinander ihre Selbstmordpläne und grölen das Lied von der Bachstelze, die schon lange nicht mehr fliegt. Als am Ende des «Gelages» der Kopf von Boris schwer auf dem Tisch liegt, schreit Johanna auf: »Er ist tot!», worüber die Gattin in ein wüstes Gelächter ausbricht; denn das wäre ja eine Erlösung für ihn, und daran glaubt sie schon lange nicht mehr.

Überzeugende Interpretation

Die Hauptfigur, die sogenannte «Gute», die aber alles andere als gut ist, wurde von Renate Köhn dargestellt. Die an den Rollstuhl Gefesselte räsonierte mit aller Kraft gegen das Leben und ihre Vereinsamung. Sie tyrannisierte die ihr Nahestehenden durch sinnloses, unnachgiebiges Kommandieren und verletzte sie durch sich ständig wiederholende, haßerfüllte Wortschwalle, funkelnde Blicke und Wutausbrüche.

Die von Renate Köhn praktizierte Übertreibung legte auch Maria Hofstätter als Pflegerin Johanna an den Tag. Sie marschierte laut und zackig durchs Haus und führte die «Kommandos ihrer Herrin» mit eiserner Miene, in steifer Abwehr und wie eine Marionette aus. Ihrem Umgang mit Boris konnten dagegen Empfindungen entnommen werden. Dieser, gespielt von Dietmar Nigsch, stellte den In-sich-Gekehrten dar, den sehnsüchtig zum Asylheim Blickenden, der nur noch gelegentlich aufbegehrt und sich der Welt durch »Sprachlosigkeit» verweigert.

Eine ungeheure Wirkung ging von den zwölf im Rollstuhl sitzenden Krüppeln (Beifall für das ausdrucksstarke Bild!) aus. Ihr unkultiviertes Essen und Trinken, Sprechen und Benehmen waren das Abbild von hoffnungsloser Verkümmerung und vergeblicher Auflehnung.
Das Spiel machte des Schriftstellers unmißverständliche Herausforderung deutlich.


Ein "Fest" als menschliches Inferno

Edgar Schmidt
VN-Heimat, 08.10.1998

Wohl kein anderer österreichischer Autor der Gegenwart hat die Gemüter mehr erregt als Thomas Bernhard (1931 bis 1989). Allein drei Titel wie ,,Der Ignorant und der Wahnsinnige“ (samt Salzburger Theatereklat), ,,Heldenplatz“ (als aufgebauschte Staatsaffäre) oder der Prosaband ,,Alte Meister“ mit der Beschimpfung österreichischer Klassiker seien stellvertretend für das skandalträchtige Gesamtwerk erwähnt. Schon Thomas Bernhards Bühnenerstling ,,Ein Fest für Boris“. (Uraufführung Schauspielhaus Hamburg, 1970) hatte Staub aufgewirbelt. ,,Der Tod ist mein Thema, weil das Leben mein Thema ist, unverständlich, unmißverständlich“,. formulierte Bernhard sein literarisches Credo. Gleich zu Beginn seines Bühnenschaffens lieferte er gleichsam ein ,,Endspiel“ (die Parallele zum kürzlich im TaK gezeigten Beckett-Stück drängt sich auf), denn ,,Ein Fest für Boris“ imaginiert nämlich die Endphase des Menschen als soziales Wesen – physisch (alle Akteure sind bis auf eine Haushälterin beinlos) wie psychisch (die Sprache ist zum egozentrischen Minimalismus verkommen) kaputte Wesen feiern in ihren Rollstühlen auf Geheiß der autoritären beinlosen ,,Guten“ ein Fest für deren debilen Mann Boris bzw. für sich selbst. Das ,,Fest“ besteht aus Freß- und Saufgier und ostinat wiederholten, das menschliche Inferno der beinlosen Gesellschaft demaskierenden Sprechformeln; ,,Höhepunkt“ ist der unbemerkt erfolgte Tod des vorher reich beschenkten (z. B. Stiefel oder Springschnur!) Boris.

10 Jahre Projekttheater Vorarlberg

Das zehn Jahre alte jubilierende Projekttheater hat sich mit der Realisierung des Bernhard-Stücks selbst einen Geburtstagswunsch erfüllt. In Koproduktion mit dem Schaaner TaK (im TaKino) entstand über der österreichischen Grenze (die Gründe sind hinlänglich bekannt) eine Aufführung von packender Eindringlichkeit. Walter Hiller führte detail-dichte Regie, eine Reihe schon längst profilierter Darsteller (auch aus Vorarlberg) dienten Thomas Bernhard in gewiß authentischer Weise.

Ladies first: Renate Köhn, die böse ,,Gute“, bot in ihrem fulminanten Monstermonolog zu Beginn eine Meisterleistung an sprachlicher und expressiver Bühnenpräsenz. Maria Hofstätter, die überragende weibliche Stütze des ,,Projekttheaters“, schritt als wandelnde Statue, als zum abgestumpften Befehlsempfänger entwürdigtes Individuum Johanna beklemmend durch die Szene. Dietmar Nigschs Rolle des Boris hat nicht viel Text, doch die immer wieder minimalen physiognomischen Veränderungen seines Gesichts, die gequälten Blicke, das animalische Apfel-Verschlingen etwa rissen tiefe Abgründe menschlicher Ohnmacht auf. Die ‚Tischgesellschaft‘ die mehr an den ,,Jedermann“ als an das über der Tafel thronende ,,Abendmahl“ Leonardos erinnerte, strotzte vor markant charakterisierten Typen – ein Verdienst der peniblen Probenarbeit Walter Hillers. Besonders stachen wohl hervor:
Hanno Dreher mit faunischem Grinsen, Robert Kahr als geschwätziger Wichtigtuer oder Brigitte Walk als quirlige Kichererbse.


Die Gute, Boris und anderer Krüppel letztes Abendmahl

Brigitte Kompatscher
NEUE Vlb Tageszeitung, 25.09.1998

Das Projekttheater Vorarlberg feiert sein zehnjähriges Bestandsjubiläum mit der Aufführung von Thomas Bernhards „Ein Fest für Boris“ in einer Inszenierung von Walter Hiller. Die Premiere ging im TaKino in Schaan über die Bühne.

Der Zynismus, die Konfrontation mit der sogenannten normalen Gesellschaft spiegelt sich auch in diesem ersten Theaterstück des 1989 verstorbenen Dichters Thomas Bernhard wider. Krankheit und Tod sind die bestimmenden Momente, rund um die sich das Geschehen manifestiert.

Eine Frau, die Gute genannt, ein Krüppel, die bei einem Unfall beide Beine verloren hat und nun im Rollstuhl sitzt, ist die Protagonistin, die die Geschichte lenkt. Renate Köhn ist die Gute, eine anfänglich fast zu laute, schrille Figur, deren Sarkasmus und fast schon Bösartigkeit immer mehr an Kontur gewinnen. Sie wächst in die Rolle hinein, schreit, jammert, proklamiert, beherrscht das Geschehen und dirigiert ihre MitspielerInnen. Ihr zur Seite ihre Haushälterin Johanna (Maria Hofstätter), starr, zur Figur verkommen – ihr weißes, maskenhaft geschminktes Gesicht, ihre herabgezogenen Mundwinkel – die genauestens kontrollierte Gestik und Mimik geben ihr, der einzigen Nichtbehinderten des Stückes, den Hauch des Irrealen. Die Konfrontationen zwischen ihr und ihrer Dienstgeberin verkommen zur Farce. Johannas Schweigen scheint die einzig logische Reaktion auf die Tiraden der Guten, deren Menschenverachtung und Schikanen. Die Selbstinszenierung der Guten – etwa als Königin auf dem Maskenball – fällt immer wieder in sich zusammen. Übrig bleibt ein Krüppel, dessen Krankheit das Bestimmende bleibt.

Das letzte Abendmahl

Die Gute hat sich einen Mann aus dem Asyl geholt – Boris (Dietmar Nigsch), auch ein Krüppel ohne Beine. Für ihn gestaltet sie ein Fest mit seinen Freunden aus dem Asyl, die Runde versammelt sich. Und bei dieser Anfangssequenz der dritten Szene wird das Bildhafte deutlich. In den beiden ersten Szenen war im Hintergrund an der Wand da Vincis „letztes Abendmahl“ sichtbar – nun ist es verschwunden und hat dem leibhaftigen Abendmahl Platz gemacht. An einer langen Tafel angeordnet – Boris sitzt in der Mitte – essen und reden die Beinlosen. Johanna ist an einen Rollstuhl festgebunden, um so den Anschein einer Behinderung zu wahren.

Zu kurze Betten, Schikanen der Heimleitung und der Selbstmord – reduziert auf das Minimum, nicht Kunst oder Kultur werden verlangt, sondern längere Betten und gutes Essen. Dramatisch, laut und zugleich eigenartig berührend präsentiert sich dieses Bild.

Dietmar Nigsch glänzt als Boris, dessen Zwiespalt und Qual deutlich in den Vordergrund treten. Die Trommel wird zu einem letzten Kommunikationsmittel, ehe das Fest sein abruptes Ende nimmt. Boris stirbt, Johanna schreit und das Gelächter der Guten ist der letzte Ton, der vernommen wird, bevor der Vorhang fällt.



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