Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne

von Philipp Weiss mit Texten von Ernst Herbeck und August Walla

Uraufführung

Ernst Herbeck und August Walla. Wenngleich die beiden Künstler einige medizinische Diagnosen und biographische Stationen teilen, könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Walla, der als Kind den Tod seiner Großmutter miterlebt und diesen als Zusammenbruch des Universums deutet, beginnt einen Kosmos jenseits der Welt und des Himmels zu imaginieren und zu schaffen – das Weltallendeland -, ein umfassendes, mit Göttern, Symbolen, Emblemen und Sprachen bevölkertes, phantastisches Reich, deren Teil und Gott er ist. Herbeck hingegen schweigt. Seine Disposition ist eine gänzlich andere. Er wird mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren, die seine Sprechfähigkeit stark beeinträchtigt. Bei ihm ist es nicht das Trauma, sondern das Stigma, eine von Anbeginn bestehende körperlich-sprachliche Versehrtheit, das ihn prägt.

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Das Stück erzählt die Geschichte dieser beiden Menschen. Doch welche Art Geschichte? Eine der Geisteskranken? Eine der gesellschaftlichen Opfer? Eine der Heroen, die gegen die gewalttätige symbolische Ordnung aufbegehren? Eine zweier genialischer Künstler? Weder Herbeck noch Walla wollten jemals Künstler sein! Im Stück stehen sie da und schweigen. Es sind die sie umgebenden Stimmen, Blicke und Zeiten, die sie vernichten und erschaffen: als Kranke, Produkte oder Genies. Der stumme Einzeller des Wahnsinns gibt immer einen schönen Hasen ab.

„Statt spanisch schwedisch lerne ich kolombjanisch, wildwestgöttliches wildwestkolombjanisch pollargalljcjisch, letzteste Fremdsprachen sei ja doch undurchstrichen als Ewigkeitendezigeunerland namenunbekanntes.“
(August Walla)

Wir Lebenden
Wir Lebenden haben nur eine Pflicht; – die Zeit zu verwerten. Man läuft Schlittschuh – den Tag hinein. Man spielt einen schönen Fußball; und schaut interessiert zu.
(Ernst Herbeck)

Die Uraufführung fand am 12. Dezember 2013 im Alten Hallenbad Feldkirch statt.

Wir danken der Firma Ton+Bild und Hotel Bären für Ihre Unterstützung!


Regie/Ausstattung: Susanne Lietzow
Es spielen: Dietmar Nigsch und Peter Badstübner 

Video: Petra Zöpnek
Videoton: Gilbert Handler
Licht/Tontechnik: Harald Michlits
Videotechnik: Manfred Walser
Masken: Julia Beyer
Bühnenbau: Roland Ploner
Produktionsassistenz: Anja Zehetgruber
Produktionsleitung: Maria Hofstätter
Wissenschaftliche Mitarbeit: Dr. Gisela Steinlechner
Vielen Dank an Marie Luise Lichtenthal für ihre Mithilfe
Video/Stimmen: Sylvia Bra, Maria Hofstätter, Florentin Groll, Sebastian Pass, Martina Spitzer, Horst Eder, Rafael Schuchter, Jerzy Schaumann, Susanne Lietzow, Peter Badstübner und Gilbert Handler
Video/Puppenspiel: Gerti Tröbinger, Maria Hofstätter und Martina Spitzer 

Aufführungsrechte bei HARTMANN & STAUFFACHER GmbH
Verlag für Bühne, Film, Funk und Fernsehen, Köln

Als Tournee-Stück buchbar
Tournee-Organisation: Maria Hofstätter | hofstaetter@projekttheater.at | Tel. +43 699 125 99 503

Fotos: Nikolaus Walter


Weitere Infos

Pressematerial

Fotos: Nikolaus Walter | Der Abdruck der Fotos ist ausschließlich für die Berichterstattung und Bewerbung des Stücks „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ und unter Nennung des Urhebers honorarfrei.

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Ein Stück von großer Tragweite

Vorarlberger Nachrichten

Man saugt als Zuschauer förmlich jedes gelieferte Wort und jedes Bild gierigst in sich auf. Weiss, Lietzow, Zöpnek, Handler, Badstübner und Nigsch sind den beiden Künstlern und auch den Menschen Herbeck und Walla absolut gerecht geworden, haben diese auf wundersame Weise dem Publikum ganz nahe gebracht, haben sie weder ausgestellt noch Tatsachen verschleiert oder verborgen.

KULTUR Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Regisseurin und Ausstatterin Susanne Lietzow gelingt eine schonungslose, aber auch fast zärtliche Begegnung mit den Protagonisten.Die kongeniale Umsetzung ist ein Muss für Art-Brut Fans und jene, die wissen, dass es normal und berührend sein kann verrückt zu sein.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung

Chapeau für die genauen Recherchen von Autor Philipp Weiss

Liechtensteiner Volksblatt

Premiere in Feldkirch erntet tosenden Applaus

APA

Pressestimmen

Großes, wirklich großes Theater

Michaela Preiner
European Cultural News
3. April 2014

In dieser Saison hat die Leitung des Schauspielhauses in Wien ein goldenes Händchen für Gastspiele gezeigt. Die Aufführung des Handke Stückes „Immer noch Sturm“ vom Theater an der Ruhr (Mühlheim) die poetischer und eindrucksvoller, glänzend gespielter und nachhaltiger nicht sein hätte können und einen wunderbaren Theaterabend bescherte, wurde nun jedoch noch einmal getoppt. „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ lautet das Stück des derzeitigen Hausautors Philipp Weiss. Uraufgeführt wurde es bereits im Dezember in Bregenz vom Projekttheater Vorarlberg und kam jetzt erstmals als Gastspiel in Wien auf die Bühne. Noch bevor über das Stück und seine Inszenierung zu berichten ist, soll vorangestellt werden: Was da gezeigt wurde, war schlichtweg großes, wirklich großes Theater.

Dieses Lob beginnt beim Text, in welchem Weiss die Lebenslinien von Ernst Herbeck und August Walla nachzeichnete. In einem unsentimentalen Ton, meist durch die Stimmen anderer als der beiden Gugging-Bewohner beleuchtet, aber dennoch so treffend und betroffen machend, dass man sich keine bessere Ausgangsbasis für ein Theaterstück wünschen kann. Dabei gelingt Weiss nicht nur die stenographische Nacherzählung zweier Einzelschicksale. Vielmehr richtet er ein Schlaglicht auf die Psychiatrie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der Elektroschocks, Zwangsjacken und körperliche Züchtigungen der grausamsten Art gang und gäbe waren. Langsam zieht er die Schlinge der allgemeinen Zustandsbeschreibung immer enger, bis sie schließlich niemanden anderen außer Herbeck und Walla mehr umfängt. Einer glücklichen Fügung ausgeliefert, wurden sie schließlich neben anderen Patienten in der Landesnervenheilanstalt Gugging von Primar Leo Navratil in ihren künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten gefördert. Navratil knüpfte dabei an die Erfahrungen seiner Kollegen Walter Morgenthaler aus der Schweiz und Hans Prinzhorn aus Deutschland an, die bereits in den 20er Jahren die sogenannte „zustandsgebundene Kunst“ als Ausdrucksmittel ihrer Patienten entdeckten. Die Grundstimmung, die bis zum Eintritt Navratils (Florentin Groll als Gentlemen-Primar in Anzug und Krawatte) in die Szenerie herrscht, kann am besten als bedrückend wiedergegeben werden. Zwei Pfleger und eine Pflegerin, aber auch der Vater Herbecks (Horst Eder stimmungsvoll als Äpfelsammler in der Landschaft agierend) oder die Mutter Wallas (Sylvia Bra) kommen dabei zu Wort und zeigen auf, welch unglaubliche Repressalien die beiden Männer erleiden mussten. Man versteht bestens, dass der Aufenthalt in der Nervenheilanstalt vor deren Reformierung die psychischen Befindlichkeiten der Patienten nicht bessern, sondern ganz im Gegenteil verschlechtern mussten. Die naturalistische, filmische Aufarbeitung dieser Zeit – mit einem Kunstgriff auf die Bühne projiziert – ist harter Tobak und mutet dem Publikum zu, dort hinzuhören und hinzuschauen, wo für gewöhnlich weggehört und weggeschaut wird. Die unglaubliche Wirkung, welche die Berichte der Pflegerin von August Walla und der beiden Pfleger von Ernst Herbeck auf das Publikum ausübt, wird durch keine zusätzlichen Aktionen auf der Bühne gestört. Maria Hofstätter als Pflegerin des kleinen Walla changiert in ihrer Erinnerung zwischen empathischer Krankenschwester und pflichterfüllter Nazigehilfin. Sebastian Pass und Rafael Schuchter spielen Tennis oder rauchen sinnierend vor Angst einflößenden Backsteingebäuden, während ihre Schreckensgeschichten hörbar werden. Die Tatsache zum Beispiel, dass Herbeck mit Elektroschocks so lange gequält wurde, bis ihm gar nichts anderes mehr übrig blieb als zu verstummen, die Schilderungen von Wallas Betreuerin, dass man dem Buben zur Bestrafung seiner Ausbrüche „ein Speiberl“ verabreichte – eine Tablette, nach welcher er erbrechen musste – sie gehen so tief unter die Haut, dass einem der Atem stockt.

Ein kongenialer Widerpart von Weiss in dieser Produktion ist die Regisseurin und Ausstatterin Susanne Lietzow, die brillantest auf der Klaviatur der multimedialen Bühnenattraktionen spielt. Mit Leichtigkeit erzeugt sie Bühneneffekte, die Zeit und Raum verschränken und gekonnt zwischen Information und Traumgebilden pendeln. Hinter den beiden Hauptdarstellern, die in den ersten Szenen stumm, aber dennoch gewaltig präsent auf der Bühne minimalistische Aktionen setzen, spannen sich zwei durchsichtige Leinwände, auf die Filmeinspielungen projiziert werden. Von den ersten Pflegerberichten, die noch in die Zeit der NS-Diktatur fallen, bis hin zum von Navratil betreuten, neuartigen psychiatrischen Vollzug spannt sich dieser filmisch begleitete Bogen in ultraharten, himmlisch schönen, skurrilen aber durchgehend einprägsamen Bildern. Elektrisierend, wie Navratil, einem Übervater gleich, hinter Herbeck, seinem Schutzbefohlenen, steht, die Lippen unbewegt, die Stimme vom Band eingespielt. Bestechend, wie der im Ersten Weltkrieg schwer Traumatisierte erst nach dem jeweiligen optischen Verschwinden des Primars zu dichten beginnt und Walla, ganz seinem Naturell entsprechend, seinen Arzt inbrünstig als Dieb beschimpft. Ätherisch schön, wie Wallas Mutter sich im Film gotterleuchtet in einer goldenen Aura bewegt, mit einem überdimensionierten Löffel in der Hand, mit dem sie ihrem Sohn jene Herberge in der Schrebergartensiedlung schuf, die ihm zur Keimzelle seiner künstlerischen Arbeiten wurde. Sylvia Bra elektrisiert in dieser Rolle durch die verschrobene, offen zur Schau getragene, gering ausgeprägte Intelligenz von Wallas Mutter, die sich in einer perfekten Jungmädchenkostümierung widerspiegelt.

Die dritte Erfolgssäule des Abends bilden Dietmar Nigsch als August Walla und Peter Badstübner als Ernst Herbeck. Der eine ein gutmütiger, voluminöser Riese in viel zu kurzen Hosen mit breiten Hosenträgern, einer roten Skimütze auf dem Kopf, einer roten Damenhandtasche in der Hand und in Besitz einer kleinen Trompete, die ihm gute Dienste leistet. Der andere verschroben staksig in seinem viel zu großen Anzug steckend, den rechten Arm wie gelähmt an den Körper geschmiegt und durch eine Brille die Welt außer sich doch nicht erblickend. Wer den Vergleich mit Bildern von Walla und Herbeck heranzieht, kann ermessen, wie kongenial diese Besetzung gelungen ist. Nigsch gelingt das Kunststück, seine massige Erscheinung so kindlich naiv in Szene zu setzen, dass ihm die Herzen automatisch zufliegen müssen. Badstübner hingegen besticht durch seine spastischen Körperbewegungen und seinen introvertierten Blick, der sich nur dann zu Grimassen verzieht, wenn er die Reaktionen der Außenwelt nicht mehr unter Kontrolle hat.

Begleitet wird das Drama zu Beginn von berauschend schöner symphonischer Musik, die ihre wahre emotionale Kraft aber erst durch Kompositionen von Arvo Pärt entfaltet. Diese scheinbar so einfach aufgebaute Musik berührt und unterstreicht das Wesen von Herbeck und Walla auf ganz subtile Art und Weise. Den Höhepunkt des Abends – die seelische und künstlerische Entfaltung der beiden Patienten unterstreicht die Regisseurin durch die Projektion von Walla-Bildern, aber zugleich auch durch das Ende ihrer Stummheit. Die Kunstsprache, die Walla zelebrierte – um diese Sprache beneiden ihn Schriftsteller sonder Zahl, ganz abgesehen von den Bewunderern seiner Bilder. Nigsch poltert und holpert Wallas Sprachergüsse, dass man nicht genug davon bekommen kann. Die Lyrik, der sich Herbeck bedient und die in mehreren Büchern nachzulesen ist, geriert sich so zart und ausdrucksstark zugleich, so verblüffend einfach und tiefgründig, dass es manches Mal schwerfällt, eine psychische Erkrankung als Auslöser dieser Kreativität anzuerkennen.

Philipp Weiss hält jedoch nicht inne und schraubt seine Geschichte weiter. Er lässt nicht nach, nicht in jenem beinahe selig zu nennenden Zustand des kreativen Höhepunktes, der zugleich auch eine Öffnung zur Kunstwelt hin bedeutete. Er verleiht auch noch jenen eine Stimme, die den „Verrückten“ ihre Sonderbegabungen absprechen wollten – bis hin zum mantraartig immer wieder und wieder hervorgebrachten Argument, dass auch ein kleines Kind imstande wäre, Bilder wie jene von Walla zu malen. Die Zurschaustellung dieser beiden Männer, ihr Einbringen in den Kunst- und Literaturbetrieb, durch das sie schließlich zu immenser Öffentlichkeit gelangten, kulminiert bei Weiss mit einer absurden Szene in einer Theaterloge. Dort beginnen sie, mit Hasenmasken auf dem Kopf verfremdet, in einer ihnen vollkommen fremden Umgebung die Menschen, die ihnen akklamieren, zu fürchten. „Es werden die Künstler wie Semmeln gebacken. Preis: 6 Groschen“, stellt Herbeck dabei noch unglaublich scharfsinnig fest. Dass Herbeck und Walla trotz all des Trubels um sie herum dennoch in ihrer, ihnen eigenen Welt verblieben, zeigt das wunderbare, poetische Schlussbild, in welchem Walla mit einem Flügelapparat und einer mit vielen Lampen bestückten, leuchtenden Sternenkrone auftritt.

Die Produktion „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ – ein Herbeck-Zitat aus einem seiner Gedichte – stellt eine Sternstunde am zeitgenössischen österreichischenTheater dar. Aufklärend, ohne jemals die didaktische Keule zu schwingen, berührend, ohne nach Mitleid zu heischen und entrückend in jenen Szenen, in welchen man in die blühende Fantasie von August Walla eintauchen darf. Eine Nominierung zu einem renommierten Theaterpreis ist noch das Mindeste, was man erwarten darf. Sollte es preisgekrönt werden, würde dies keinesfalls überraschen.


Die fantastische Welt der Künstler von Gugging

Norbert Mayer
Die Presse
1. April 2014

Zu Gast in Wien, beeindruckt Vorarlbergs Projekttheater mit „Ein schöner Hase…“ von Philipp Weiss.

Nach kurzer Zeit glaubt man im Wiener Schauspielhaus, die Gugginger Künstler August Walla (1936–2001) und Ernst Herbeck (1920–1991) seien wieder zum Leben erweckt worden, so kongenial werden sie von Dietmar Nigsch und Peter Badstübner imitiert. Der eine trägt eine rote Mütze und hat eine rote Handtasche, in die er ein kleines Posthorn verstaut, nachdem er es kurz gespielt hat. Die Hosen des wuchtigen Walla sind viel zu kurz. Herbeck hingegen, der angespannt wirkt, das Gesicht immer wieder verzieht, hat einen viel zu großen, mausgrauen Anzug an. Sie üben Minimalismus, als ob sie sich in ein fabulöses Endspiel von Samuel Beckett verirrt hätten.

Das Gastspiel des Vorarlberger Projekttheaters mit „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“, das am Montag in Wien Premiere hatte, ist toll gemacht, sowohl von den Darstellern her als auch vom Stück des jungen Dramatikers Philipp Weiss und durch die unaufdringliche Regie Susanne Lietzows. Sie beherrscht das Multimediale, ohne viel vom Text abzulenken. In fünf Bildern wird das Leben dieser Männer gezeigt, die einen Großteil ihres Lebens in der Nervenheilanstalt nahe Wien verbracht haben. Zuvor hatten sie das NS-Regime, das derart Kranke systematisch ermordete, nur knapp überlebt. Sie reiften in Gugging, vom Arzt Leo Navratil gefördert, zu anerkannten Künstlern – Herbeck als Dichter, Walla als Vertreter der Art Brut.

Die Abschnitte Vernichtung, Verwahrung, Verwandlung, Verklärung, Vermarktung sind chronologisch angeordnet. Anfangs sitzen die beiden Männer stumm auf Plastikstühlen, während hinter ihnen auf zwei schräg gestellten, halb transparenten Leinwänden in Videoeinspielungen (Petra Zöpnek) Menschen zu Wort kommen, die von den beiden erzählen – Angehörige, Pfleger, Ärzte, Gäste einer Ausstellung, Menschen auch, die das Vernichtungsprogramm selbst nach dem Krieg guthießen. Oft sind die Stimmen asynchron zum Film. Am treffendsten wird die Kakofonie des Grauens, wenn Nachbarn im Schrebergarten als mordlüsternes Kasperltheater auftreten.

Der Tod der geliebten Großmutter
In den Videos agieren unter anderem Maria Hofstätter und Florentin Groll. Das ist grandioses Kino. Man erfährt, dass Walla als Kind durch den Tod der Großmutter traumatisiert wurde, dass Herbeck, der an einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte litt, durch den Krieg in den Wahnsinn getrieben wurde. Dann aber, mitten in dieser Aufführung von 95 Minuten, beginnen die beiden Protagonisten zu sprechen. Es sind berührende Sätze, die man von ihnen hört. Durch ihre Sprache, ihre Poesie und ihre Bilder taucht der Zuseher in eine Welt ein, die nur auf den ersten Blick fremd erscheint. „Ich schaue in den Spiegel und sehe nichts“, heißt es einmal. Aber diese Entrückten sagen uns ihre fantastische Wahrheit und zeigen die Welt, als ob sie ein Fall sei.


Zwei Gugginger Künstlerleben als Triumph im Schauspielhaus.

Christina Böck
Wiener Zeitung – Kultur
2. April 2014

Ein Mann, dessen Welt nur von seinen Hosenträgern zusammengehalten wird: Das ist eines dieser Bilder, die zugleich so traurig und so lustig sind. Und so – vielleicht würde er es selbst so nennen – faustaufsaugig auf diesen August Walla zutreffen, wie ihn Dietmar Nigsch im Wiener Schauspielhaus derzeit spielt. Da gastiert nämlich „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ von Philipp Weiss, eine Produktion des Projekttheaters Vorarlberg.

Das Stück, inszeniert von Susanne Lietzow, begleitet August Walla und seinen Gugginger Kollegen, den Dichter Ernst Herbeck, durch ihr aufgewühltes Leben. Vom Aufenthalt am Spiegelgrund für Walla, der dort „so a Glück ghobt hot“. Und von Elektroschocks für Herbeck und den Eltern, die ihn in die Anstalt abschieben, weil sie mit dem schizophrenen Sohn nicht mehr zurande kommen. Bis zum Gugginger Psychiater Navratil, der Herbeck Titel zuwirft, zu denen er dann Gedichte schreibt. Und der auch Wallas Weltallendekunstkosmos im Schrebergarten der Mutter im „Duft von Burenwurst und Rosen“ entdeckt.

Brunzhonig
Anfangs sagen Walla und Herbeck (Peter Badstübner) gar nichts, sitzen auf der Bühne, umrahmt von zwei Hasenmasken. Gesprochen wird von anderen, der Pflegerin vom Spiegelgrund etwa, brutal zärtlich gespielt von Maria Hofstätter und auf Leinwand projiziert. Stimmen, wie sie Schizophrene begleiten: „aus den Wänden, aus den Eingeweiden, aus dem Tintenglas“. Erst mit der wachsenden künstlerischen Betätigung und dem beginnenden, wenn auch zaghaften Selbstverständnis (Herbeck: „Ich kann mich nicht mehr einordnen“) beginnen die zwei selbst zu sprechen. Sie verstummen wieder im letzten Teil, in dem sich die Massen zu Loungemusik in die Art-Brut-Vernissagen wälzen und dort das „Geschmiere“ über „Brunzhonig“ abqualifizieren. Da sitzt Walla hinter der Leinwand auf einer Tuchent, abgetrennt vom hohlen Enthusiasmus. Davor schon hatte Herbeck angesichts tosendem, aber verständnislosen Applaus gesagt: „Es werden die Künstler wie Semmeln gebacken. Preis 6 Groschen.“

Packend, berührend, mit Witz und grüblerischem Nachspiel: ein rares Theaterglück.


Ein meist sehr stummes Stück über Ernst Herbeck und August Walla

Michaela Mottinger
Bühne
1. April 2014

Sie waren das, was man Gugging-Künstler nennt: Ernst Herbeck und August Walla. Sie verbrachten große Teile ihres Lebens als schizophrene Psychiatriepatienten und wurden zu gefeierten Künstlern. Ihre Biografien hätten unterschiedlicher kaum sein können: Walla, der als Kind den Tod seiner Großmutter miterlebt und diesen als Zusammenbruch des Universums deutet, beginnt einen Kosmos jenseits der Welt und des Himmels zu imaginieren und zu schaffen – das Weltallendeland –, ein umfassendes, mit Göttern, Symbolen, Emblemen und Sprachen bevölkertes, phantastisches Reich, deren Teil und Gott er ist. Herbeck hingegen schweigt. Seine Disposition ist eine gänzlich andere. Er wird mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren, die seine Sprechfähigkeit stark beeinträchtigt. Bei ihm ist es nicht das Trauma, sondern das Stigma, eine von Anbeginn bestehende körperlich-sprachliche Versehrtheit, das ihn prägt.

Philipp Weiss, diese Saison Hausautor am Schauspielhaus Wien und gerade gefeiert für “Allerwelt” www.mottingers-meinung.at/schauspielhaus-wien-allerwelt/, hat nun für das Vorarlberger Projekttheater ein Stück über diese beiden besonderen Menschen geschrieben: “Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne” (zu sehen als Gastspiel am Schauspielhaus). Und wie zwei Einzeller stehen sie auch da, Dietmar Nigsch und Peter Badstübner, in der Regie von Susanne Lietzow, stumm und gleichzeitig von Stimmen umgeben, von der “Gesellschaft” als Kranke UND Genies abgefeiert, als Opfer der Umstände und Heroen, die gegen die gewalttätige symbolische Ordnung aufbegehren. Als Produkte auf dem Kunstmarkt. Weder Herbeck noch Walla wollten jemals Künstler werden. Es hat sich so ergeben. Könnte man so sagen.

“Wir Lebenden haben nur eine Pflicht; – die Zeit zu verwerten”, schrieb Ernst Herbeck einmal. Regisseurin Susanne Lietzow, die mit ihren Produktionen gern in Wien Station macht www.mottingers-meinung.at/maria-hofstatter-spielt-in-wien-theater, ist eine schonungslose, aber auch zärtliche Begegnung mit den Protagonisten gelungen. Eine geniale Auseinandersetzung mit dem Begriff Art Brut; Badstübner und Nigsch sind den beiden Künstlern und auch den Menschen Herbeck und Walla absolut gerecht geworden, haben sie dem Publikum ganz nahe gebracht, haben sie weder ausgestellt, noch die Frage nach “verrückt” oder “normal” gestellt, noch Tatsachen verborgen oder verbogen. Ein besonderes Bravo gilt Philipp Weiss für seine genauen Recherchen. Nun wissen wir, dass der Hase – auch wenn er nicht Harvey heißt – ein guter Freund des Wahnsinns ist. Und Wahnsinn nicht immer das Schlechteste. Ein bemerkenswerter, anstrengender, absolut sehenswerter Abend.


Beglückend! Ein perfekter Theaterabend! – Projekttheater im Feldkircher Hallenbad

Dagmar Ullmann-Bautz
Bühne
1. April 2014

Ein frühes Weihnachtsgeschenk lieferte das Projekttheater am gestrigen Abend ins Feldkircher Hallenbad. Bravourös beschenkten sie das Premierenpublikum mit einem ganz einfachen, in sich absolut stimmigen und bis ins letzte Detail genialen Theaterabend. Autor Philipp Weiss hatte im Auftrag des Projekttheaters das Stück „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ über die beiden Künstler Ernst Herbeck und August Walla geschrieben.

Ernst Herbeck (1920 – 1991) und August Walla (1936 – 2001) verbrachten, als schizophrene Patienten klinisch kategorisiert, große Teile ihres Lebens in der niederösterreichischen Landesnervenklinik Gugging. Beide wurden in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu dem, was man renommierte Künstler nennt: Herbeck als Dichter, der insbesondere von der österreichischen Nachkriegsavantgarde gefeiert wird, Walla als einer der bedeutendsten Repräsentanten der internationalen Art Brut.

Genau recherchiert und sensibel inszeniert
Beide sind nur knapp dem Ermordungsprogramm des dritten Reichs entkommen. Ihren Werdegang vom „lebensunwerten Leben“ zu gefeierten Künstlern beschreibt Autor Weiss in 5 ausdrucksstarken Bildern. Von der Vernichtung, über Verwahrung, Verwandlung bis zu Verklärung und Vermarktung werden diese vom Projekttheater in einer äußerst sensiblen Inszenierung dargestellt. Philipp Weiss hat ungemein viel und genau recherchiert und einen Text geschrieben, der der Fremdbestimmung schizophrener Patienten intensiv nachspürt. Die beiden Künstler sprechen lange gar nichts, reagieren nur körperlich auf die sie umgebenden Stimmen. So kommen auf den trefflichen Video- und Toneinspielungen von Petra Zöpnek und Gilbert Handler die Eltern, Anstaltspfleger, Nachbarn, Ärzte, Ausstellungsbesucher u.a. zu Wort. Bild, Text und großartig gewählte Musik vereinen sich zu einem genussvollen Gesamtkunstwerk.

Schauspieler mit immenser Strahlkraft
Auf der Bühne sind Peter Badstüber als Ernst Herbeck und Dietmar Nigsch als August Walla zu sehen. Ihre körperliche Präsenz, ihr Ausdruck überzeugt mit immenser Strahlkraft, nimmt einfach gefangen und berührt zutiefst.

Perfekt gewählte Drehorte
Regisseurin Susanne Litzow hat mit ausgeprägtem Gespür den Theaterabend inszeniert, hat mit kleinen Details ganz großes Theater geschaffen, das zu Tränen rührt und auch mit gutem Witz ausgestattet ist. Auch für die Ausstattung verantwortlich, lässt sie einerseits die geflieste Kühlheit des Hallenbades seine Wirkung tun und verändert andererseits die Atmosphäre mit den perfekt gewählten Drehorten der Videos.

Großartiges Porträt
Im zweiten Teil des Stückes bekommen die Texte und Werke der beiden Künstler immer mehr Raum. Man saugt als Zuschauer förmlich jedes gelieferte Wort und jedes Bild gierigst in sich auf. Weiss, Litzow, Zöpnek, Handler, Badstüber und Nigsch sind den beiden Künstlern und auch den Menschen Herbeck und Walla absolut gerecht geworden, haben diese auf wundersame Weise dem Publikum ganz nahe gebracht, haben sie weder ausgestellt noch Tatsachen verschleiert oder verborgen.

Für dieses großartige Porträt zweier herausragender Persönlichkeiten bedankte sich das Premierenpublikum mit jubelndem Applaus.


Zwei Lebensgeschichten, ein Werk

Feldkirch – Das Projekttheater Vorarlberg hat sich mit “Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne” eines anspruchsvollen Stoffs angenommen.

Mona Egger
APA
12. Dezember 2013

Das Stück von Philipp Weiss unter der Regie von Susanne Lietzow widmet sich zwei Künstlern, die lange Jahre in der Psychiatrie verbrachten. Die Uraufführung fand am Donnerstag im Alten Hallenbad in Feldkirch statt, 2014 ist das Stück im Schauspielhaus Wien zu sehen.

Zwei Lebensgeschichten, ein Werk
Ist es die Geschichte zweier Geisteskranker oder die Geschichte zweier genialer Künstler? Das biografische Stück widmet sich dem Leben und Schaffen zweier realer Personen: Ernst Herbeck (1920 – 1991), aus dessen Werk auch der Stücktitel stammt, und August Walla (1936 – 2001). Beide waren als schizophrene Patienten Jahrzehnte ihres Lebens in der Nervenheilanstalt Gugging bei Wien, beide avancierten danach zu renommierten Künstlern. Herbeck als Dichter und Walla als einer der bedeutendsten Repräsentanten der internationalen Art Brut.

Geschichte in fünf chronologischen Bildern
Die Geschichte der beiden wird erzählt in fünf chronologischen Bildern: “Vernichtung”, “Verwahrung”, “Verwandlung”, “Verklärung” und “Vermarktung”. In den ersten beiden Bildern schweigen die Protagonisten auf der Bühne, körperlich sehr präsent und konzentriert gespielt von Peter Badstübner und Dietmar Nigsch. Klinikpersonal, Eltern und Vormundschaftsgericht werden über Videoeinwände eingespielt. Sie beschreiben ihre Sicht der Dinge – die “Täter” werden damit selbst zu beobachteten Objekten.
Das Grauen liegt in der Selbstverständlichkeit, mit der sie von Entmündigung, Kindheitstrauma, Elektroschocktherapien und der Aufbewahrung von menschlichen Präparaten sprechen. Das alles sei bis in die 1980er-Jahre noch ein Gewinn für die Forschung gewesen, heißt es. Hinzu kommt die eigenartige Fratzenhaftigkeit der Figuren, etwa der angeblich freundliche Doktor und das Personal, das das Wegschauen als alltägliche Praxis betreibt. Die Berichte erfolgen teilweise wie das emotionslose Herunterlesen von Protokollen – die Distanz wird verstärkt, indem Texte und Bild nicht synchron laufen. Verantwortlich dafür zeichnen Petra Zöpnek (Video) und Gilbert Handler (Videoton).

Premiere in Feldkirch erntet tosenden Applaus
In den weiteren drei Bildern kommen die Darsteller auf der Bühne zu Wort. Verstörend, irritierend, auch provozierend, bisweilen verrückt und unverständlich sind die Dinge, die sie sagen und tun. Regisseurin Susanne Lietzow versteht es, Figuren zu kreieren, die ihre Welt verständlicher machen. Die Patienten wandeln sich zu anerkannten Künstlern, aber ihre Wahrnehmung der Umwelt ist durch die vielen Jahre in der Anstalt kaputt. Ist es Wiedergutmachung, wenn am Ende die beiden Ehrung durch Kultur und Politik erfahren? Die Vermarktung ihrer Kunst geht einher mit der Vermarktung ihrer Lebensgeschichte. Wem gilt am Ende tatsächlich der Applaus – der Kunst oder nach wie vor den Opfern eines faschistischen Regimes? Das Publikum ist sehr gefordert, darauf eine Antwort zu finden. Mit Applaus hat es bei der Premiere nicht gespart.

Klinik-Atmosphäre im Alten Hallenbad
Das Alte Hallenbad Feldkirch macht es Susanne Lietzow leicht, eine Klinik-Atmosphäre zu schaffen. Die vorhandenen Fliesen an den Wänden wirken entsprechend steril und machen Geschichten über das Untertauchen der Patienten in kaltes Wasser als Erziehungsmaßnahme noch etwas glaubwürdiger. Man wird sehen, was das Schauspielhaus Wien – dort gibt es im März 2014 ein Gastspiel des Projekttheaters – Entsprechendes bieten kann.


Stumme zeugen lauter Zuschreibungen

Premiere: Wie kann man in die verschlossene Welt der Schizophrenie eindringen? Gar nicht. Also versucht Autor Philipp Weiss in seinem Bühnenstück „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ fürs Projekttheater eine Annäherung, die vor allem die Umgebung entlarvt.

Johannes Mattivi
Liechtensteiner Volksblatt – Kultur
14. Dezember 2013

Und wie die Umgebung entlarvt wird – Ärzte, Pfleger, Institutionen, wechselnde Politik, hohe und niedere Absichten, eiskalte Brutalität und Gleichgültigkeit, Erniedrigung und gefeierte Überhöhung – später dann auf dem Kunst-Jahrmarkt der Eitelkeiten. Schon Filme wie „Rainman“ oder „Forrest Gump“ versuchten einer breiten Öffentlichkeit das Thema psychische Erkrankungen und geistige Beeinträchtigungen näherzubringen, indem sie sich ihren Protagonisten sympathisierend annäherten, die Menschlichkeit von Erkrankten, die hinter den Mauern der Diagnose, die Fähigkeiten, die hinter der Fassade der Behinderung liegen, hervorkehrten. Der Wiener Autor Philipp Weiss versucht in seiner Bühnenbiographie über die beiden Künstler Ernst Herbeck (1920-1991) und August Walla (1936-2001), die Jahrzehnte ihres Lebens hinter den Mauern der Nervenheilanstalt Gugging bei Wien verbrachten, Ähnliches. Und doch ist sein Stück in fünf Bildern „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ weit mehr als eine Biographie – es ist ein Zeitspiegel der österreichischen Geschichte, ein Spiegel der Menschen, die in ihren Funktionen als Ärzte, Pfleger, Gerichte, Politiker oder Verwandte um die beiden Protagonisten herumkreisen, die beschreiben und zuschreiben, wer, was, wo und wie Herbeck und Walla sind, wie sie zu sein haben, wie sie nicht sein sollen. Und/oder die schlimmste Zuschreibung: Das sie nicht zu sein haben. Als behindertes menschenunwürdiges Leben.

Überlebende der Vernichtung
Da geht dem Zuschauer der erste eiskalte Pfahl durch Herz und Seele: Als im ersten Bild „Vernichtung“ Stimmen aus der Nazizeit aus dem Off kommen, die die Vernichtung von behindertem und geistig krankem Leben fordern, in ruhigem Tonfall begründen – und exekutieren. Herbeck und Walla überleben, trotz schizophrener Diagnose. Herbeck, der spätere Dichter, der insbesondere von österreichischen Nachkriegsavantgarde gefeiert wird, Walla, der als Maler inzwischen zu den bedeutendsten Repräsentanten der internationalen Art Brut zählt. Doch die Krankenschwestern und Pfleger sind oft nicht besser. Abgehärtet von der harten Umgebung der Psychiatrie werden sie zu willfährigen Erfüllungsgehilfen von Ärzten jeder Couleur – von braun zu schwarz zu rot, je nach Jahrzehnt , vor und während dem Krieg.

Herbeck und Walla werden der weil „verwahrt“ (2.Bild) und „verwaltet“ (3.Bild), mit Elektoschocks und Psychopharmaka behandelt. Bis der Psychiater Dr. Navratil das künstlerische Talent der beiden – und etlicher anderer Patienten in der Heilanstalt Gugging – erkennt, fördert und seine eigene Künstlerkolonie innerhalb der Klinik errichtet (4. Bild „Verklärung“), deren Repräsentanten später in der Kunstszene als interessante Exoten gefeiert werden (5. Bild „Vermarktung“). Herbeck und Walla (grandios dargestellt von Peter Badstübner und Dietmar Nigsch) bleiben derweil zumeist stumm, auf der Bühne im Stuhl kauernd oder schlurfend herumwandernd, während die Definitionen von aussen sie umzingeln, umschreiben, das verworten, was sie (vorläufig) nicht sagen. Die Stimmen kommen aus dem Off und von Videosequenzen, die fortlaufend im Hintergrund abgespielt werden, um wechselnde Schauplätze und Perspektiven zu erleichtern. Gleichzeitig kreisen die Bilder um die statische Mitte der starren Schauspieler-Figuren, die sich jeder Definition entziehen und bis zum Schluss rätselhaft bleiben. Chapeau für die genauen Recherchen von Autor Philipp Weiss, die Regie von Susanne Lietzow, die Technik, die Musik, die Hintergrundcrew. Der lang anhaltende Premieren-Applaus inklusive Bravos beweist einmal mehr: Diese Projekttheater-Premiere wird ein Repertoire-Stück mit Tournee-Qualitäten werden.


Leben in der Kunst

Erfolgreiche Premiere des Projekttheaters Vorarlberg:
Zwei Künstler und viele Stimmen.

Barbara Camenzind
NEUE Vorarlberger Tageszeitung Kultur
14. Dezember 2013

Eine gekachelte Arena der Stille. Scheinbar geteilt durch zwei große, halbtransparente Paravents. Zwei Männer sitzen auf einer Bank, einer hager und von innerer Unruhe getrieben, der andere stoisch, er rotzt auf einem Kornett schräge Töne ins alte Feldkircher Hallenbad. Eine rote Damenhandtasche, zwei Hasenköpfe als Requisiten. Die beiden Gestalten rühren sich nicht. Sie sind den Zuschauern ausgeliefert, fast wie auf einer Schlachtbank. Sie dulden die Stimmen, die um sie herum ihre Geschichte erzählen, die Projektionen auf den Paravents wirken wie Poltergeister, die in die Stille hineinplatzen und von Ungeheuerlichkeiten berichten.

Das Stück „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ von Philipp Weiss ist eine Hommage an die beiden Avangarde-bzw. Art-Brut-Künstler Ernst Herbeck (1920-1991) und August Walla (1936-2001) und feierte am vergangenen Donnerstag in der Produktion des Projekttheaters Vorarlberg Premiere. Wie erzählt man die Geschichte von zwei schöpferisch Tätigen, die große Teile ihres Lebens in der Psychiatrie verbrachten, in der Nervenheilanstalt Gugging bei Wien? Indem man sie lange schweigen lässt. Regisseurin und Ausstatterin Susanne Lietzow gelingt eine schonungslose, aber auch fast zärtliche Begegnung mit den Protagonisten. Von den Leinwänden berichten Pfleger, Ärzte, Kuratoren, Kunstsammler über Vernichtung, Verwahrung, Verwandlung, Verklärung und Vermarktung zweier Männer, deren Leben lange für unwert gehalten wurde.

Die monströs erscheinende Sprache, welche Idiotie, Debilität und Gnadentod als humanste Form der Nächstenliebe hervorhob und über folterhafte Behandlungsmethoden mit Kaltbädern und Elektroschocks berichtete, wirkte irrer und absurder als das bunte Farbuniversum des Malers Walla und die feingedrechselte Poesie des Dichters Herbeck. Wer war hier eigentlich verrückt?

Paradigmenwechsel
Etwas fassungslos erkannte man in diesen Abgründen ein Stück Psychiatriegeschichte, die Texte stammten aus Arztberichten der Nazizeit und solchen bis weit in die 50er-Jahre. Auch der Paradigmenwechsel wurde kritisch beleuchtet und hier bekamen die Protagonisten, die von Dietmar Nigsch (Walla) und Peter Badstübner (Herbeck) respektvoll und differenziert verkörpert wurden, eine Stimme. Die fünf Bilder – zwischenzeitlich langatmig erzählt – sind als Biographiefäden erkennbar. Klar wurde, dass Walla und Herbeck keine Zirkuspferde der Kunstszene waren. Herbecks Poesie wurde unverstanden beklatscht, Wallas Pantheon der Farben und Gottheiten als Kunstmarkt-Investition gehandelt. Wollten die beiden Männer zu Art-Brut-Stars verklärt werden? Nein. War die Vermarktung ihrer Kunst nicht schier eine Vereinnahmung durch die sogenannt „Normalen“? Die fast zwei Stunden der performanceartigen Inszenierung stellte mehr Fragen, als sie löste. Die kongeniale Umsetzung im klinisch wirkenden alten Hallenbad, der Sound und die Projektionen (Video: Petra Zöpnek, Videoton: Gilbert Handler) in der klug umgesetzten Interaktion mit dem reduzierten Schauspiel ist ein Muss für Art-Brut-Fans und jene, die wissen, dass es normal und berührend sein kann verrückt zu sein.


Dem Thema entkommt keiner

Das Projekttheater beschäftigt sich mit der Art Brut, nein, mit dem Menschsein.

Christa Dietrich
Vorarlberger Nachrichten – Kultur
14. Dezember 2013

Feldkirch. Ernst Herbeck, August Walla und die Künstler in Gugging – das ist ein spezielles Thema. Welche allgemeingültige Quintessenz zudem daraus gewonnen werden kann, das zeigen der österreichische Autor Philipp Weiss (geb. 1982) mit einem Text und das Projekttheater, das ihn nun als Auftraggeber auf der Bühne realisierte. Sie vermitteln es so, dass „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ zu einem Stück mit einem Thema wird, dem keiner entkommt. Mit viel Applaus hat das Uraufführungspublikum im Alten Hallenbad in Feldkirch diese Schlussfolgerung unterstrichen.

Art Brut
August Walla (1936-2001) ist als Maler einer der bekanntesten Art-Brut-Vertreter Österreichs, Ernst Herbeck (1920 -1991) schrieb Gedichte, die im deutschen Feuilleton zu fast hymnischer Beurteilung führten. Beide lebten sie in der Nervenklinik Gugging. In beiden Schicksalen spiegelt sich die Reaktion von Mitmenschen bzw. der Gesellschaft auf Andersartigkeit bzw. Wahn. Sie wurden misshandelt, entkamen mehr oder weniger durch Zufall dem Euthanasie-Programm, das heißt der Ermordung, wurden verwahrt, dann gefördert und schließlich gefeiert. Sie nun auch noch literarisch zu vereinnahmen, diese Fragwürdigkeit begeht Philipp Weiss nicht, und dieser Gefahr weicht er klug, mit sprachlicher Genauigkeit und schriftstellerischer Qualität aus.

Walla und Herbeck bleiben als Figuren dieses Stücks nämlich stumm. Die verbalen Äußerungen am Schluss basieren auf sorgfältigen Recherchen und verleihen den Personen jene Authentizität, die ihnen Dietmar Nigsch und Peter Badstübner zuvor über eine Stunde lang nur mit Gestik und Körpersprache angedeihen lassen. Ein ungemein schwieriges Unterfangen ist das, denn die Gefahr der Verharmlosung oder gar Zurschaustellung ist fortwährend gegeben und kann nur abgewendet werden, wenn Badstübner die sichtbare körperliche Beeinträchtigung höchst sensibel, aber auch mit einer besonderen Konsequenz darstellt. Filigran in einer trotzigen Abwehr findet auch Dietmar Nigsch als Walla zu einer Präsenz, der zugleich ein gutes Maß an Distanziertheit innewohnt.

Hier hat Susanne Lietzow wieder mit einer Akribie Regie geführt, die man schon seit einigen Jahren beim Projekttheater schätzt. Auch die Personen aus der Umwelt, die über Videoprojektionen zu Wort kommen, vermitteln ob der Art, wie die Ungeheuerlichkeit ihrer
Aussagen eingefangen wird (Maria Hofstätter agiert grandios) nicht nur eine subjektive Entgleisung, sondern ein Bild einer Gesellschaft, für die die Ausgrenzung die Norm ist.

Gutmenschentum
Dieses Bild hat sich endlich gewandelt. Mit der Veränderung der medizinischen Methoden waren auch viele Menschen bereit, bezüglich Krankheit und Behinderung einen Lernprozess zu durchlaufen. Dass es auch eine Kehrseite der Medaille gibt, dass Personen wie Ernst Herbeck und August Walla von Menschen, die ihr Gutmenschentum unterstreichen wollen, als willkommene Zeitgenossen betrachtet wurden, das zeigt Philipp Weiss geschickt und pointiert auf.

Und da wäre ja noch der Marktwert der Art Brut, der bei den geplanten Aufführungen des Projekttheaters Vorarlberg in Wien (unweit von Gugging), weitere Diskussionen auslösen wird. Ein Stück von großer Tragweite.


Im „Ewigkeitsendeland“

Im Projekttheater wird das Stück „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ gezeigt, das sich mit August Walla befasst.

Nicole Wehinger
Standard Kultur
13. Dezember 2013

Feldkirch – Ein leerer Pool, zwei schräg gestellte Wände, die mit Bildern und Videos bespielt werden, und zwei Akteure, die bis zum 3. Akt stumm agieren. Susanne Lietzow widersetzte sich Theaternormen und inszenierte ein Stück, das auch ohne Dialog der Hauptfiguren funktioniert und das im Alten Hallenbad in Feldkirch Premiere feierte.

Thematisch aufgearbeitet hat Philipp Weiss in dem Auftragswerk des Projekttheaters Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne Leben und Werk zweier Künstler. August Walla, ein von Schaffensdrang getriebener Maler, und Ernst Herbeck, der leise Poet, der Gedichte nur auf Aufforderung seines Arztes schrieb. Gemeinsam ist beiden, dass sie Patienten der Landesnervenklinik Gugging waren. Weiss hat sein Stück in fünf Stationen gegliedert: „Vernichtung“, „Verwahrung“, „Verwandlung“, „Verklärung“ und „Vermarktung“. Unter Einbeziehung von Texten der Künstler wagt er den Versuch, künstlerische Fragen in den Raum zu stellen, die jedoch für ihn unbeantwortbar bleiben. Denn in einer Gesellschaft, die dem „Wahnsinn“ mit Angst begegnet, werden Menschen mit Krankheit weggesperrt oder verklärt.

Dass beide Figuren lange kein Wort sprechen, ist für ihn symbolhaft. Zwei entmündigte Menschen ohne Stimme. Dem entgegengesetzt nur ihre physische Präsenz und ihr künstlerisches Werk. Für die beiden Schauspieler stellte das alles eine Herausforderung dar. Während Walla (Dietmar Nigsch) zumindest zeitweise mit seiner Handtasche im Pool herumschlurft, verweilt Herbeck (Peter Badstübner) größtenteils in verkrampfter Haltung. In den eingespielten Videos geben Pfleger, Ärzte und Angehörige, unter anderem auch Wallas Mutter (Maria Hofstätter), den beiden eine Stimme. Ein ehrliches Porträt über zwei Künstler, die ihre eigene Sprache kreierten. Ab 31. März ist das Stück im Schauspielhaus Wien zu sehen.



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