Fröhliche Tage

von Walter Hiller

Der Entertainer Max wird bei seinen Auftritten von einer Geschichte begleitet, die mit seinem Programm eigentlich gar nichts zu tun hat – es ist die Geschichte eines Menschen, der seinen nahen Tod vor Augen hat. Seine Confe´rencen entwickeln sich zu skurill-grotesken Reisen, wo er immer wieder den wichtigsten Personen in seinem Leben begegnet… Das Stück basiert auf persönlichen Aufzeichnungen und Gesprächen eines 24jährigen Sterbenden.

Premiere: im Theater am Saumarkt Feldkirch, Uraufführung
Gastspiele: 1990/91

Text / Regie: Walter Hiller
Es spielt: Dietmar Nigsch


Pressestimmen

Beklemmende Story vom Leben & Leiden

Eva Jakob
NEUE VLB Tageszeitung , 24.09.1991

Ein sehr betroffenes Publikum war nach der Vorstellung von ,,Fröhliche Tage“ im Feldkircher Theater am Saumarkt erst nach Minuten in der Lage, der Produktion des Projekttheaters Beifall zu spenden – so berührt war man von der Lebens- und Leidensgeschichte des jungen Entertainers Max (Dietmar Nigsch), der einem Krebsleiden erliegt.
Die Geschichte basiert auf der Realität, Tonbandaufzeichnungen im Kranken- oder besser im Sterbezimmer, Dialoge mit Eltern, Frau und Freunden bilden die Grundlage für das Stück.

Gut, die Psychiater- und Ärztewitzchen zu Beginn wirken ein bißchen dünn, auch der erste Ausbruch des kranken jungen Mannes, ,,warum gerade ich, ich hab doch so vieles noch nicht gemacht…“ vermag noch nicht ganz zu überzeugen. Dann aber werden Stück, Regie (Walter Hiller) und Darstellung zunehmend dichter. Und um gleich vom Höhepunkt der lnszenierung zu reden: Immens intensiv ist das Ende, wenn das Licht immer schwächer wird, schließlich nur mehr den Oberkörper des Kranken erfaßt, der Lichtkegel wird immer kleiner, Max wendet sich ab und geht in die Dunkelheit.

Krankheit und Tod sind tabuisiert in unserer Gesellschaft. Jung und dynamisch muß es zugehen. Und so geht es auch am Anfang zu in den ,,Fröhlichen Tagen“. Max ist tüchtig, erfolgreich und hat ,,keine Probleme“ (er hat sie schon, aber er verdeckt sie fast zwanghaft). Schon diese Verdrängung trägt manche Stücke. Bei diesem hier aber nun kommt eine weitere Dimension hinzu, nämlich das Wissen um den nahen Tod.

Dem ersten Aufbäumen gegen den Tod folgt die Erkenntnis, daß auch ein einzelner Tag schön sein kann, sogar ,,fröhlich“. Ausgezeichnet beobachtet sind die Charaktere der Freunde am Krankenbett, das reicht von halbherzigem Mitgefühl über pflichtschuldige Besuche bis zur Ignoranz. Da gibt es sehr große Momente bei Dietmar Nigsch, wenn er sich in Sekundenbruchteilen vom ,,Besucher“ in den ,,Kranken“ verwandelt. Kein falscher Ton schleicht sich ein.

Eine besondere Stärke von Stück – für das gleichfalls Regisseur Walter Hiller verantwortlich zeichnet – und Regie liegt darin, wie die Welt um den Kranken langsam entschwindet. Was früher wichtig war, verliert an Bedeutung, wird unwesentlich und tritt in den Hintergrund. ,,Was braucht man zum Leben? Einen Menschen, den man liebt, Essen, Trinken und einen Platz für sich.“

Ein ziemlich schlimmes Bild wird von den Eltern gezeichnet, dargestellt sind sie durch Marionetten. Nicht einmal angesichts des Todes kommt die Mutter aus ihren selbstgestrickten Denkschemata heraus. Beklemmend. Aber beklemmend ist nicht nur das. Noch später hat man Mühe, sich aus der Umklammerung der ,,Fröhlichen Tage“ zu lösen.


,,Fröhliche Tage" im Linzer Theater Phönix

AZ-Tagblatt, 19.02.1991

Das ,,Projekttheater“ gastiert wieder in Linz. Für ,,Fröhliche Tage“. Auf der Bühne: Entertainer ,,Max“, der routiniert sein Programm abspult. Immer begleitet von einer Geschichte, die damit eigentlich gar nichts zu tun hat. Jener eines Freundes, der – seinen nahen Tod vor Augen – Ausgrenzung, Isolation, Ignoranz und Intoleranz erlebt. Und der vor allem mit der Unfähigkeit seiner Umgebung konfrontiert wird, den Tod als Teil des Lebens anzunehmen.

So entwickeln sich die Conferencen des Entertainers zu skurril-grotesken Reisen, zu Balance-Akten zwischen Unterhaltung und ernsthafter Auseinandersetzung mit der Geschichte dieses Menschen.

Schließlich reduzieren sich die Dialoge auf Monologe, auf Gespräche mit sich selbst. Stück für Stück zieht Max die Vergangenheit aus seinem Koffer. Grandios dargestellt vom Schauspieler Dietmar Nigsch, seit 1982 in Wien, Linz und Innsbruck engagiert. Meisterhaft inszeniert vom Autor Walter Hiller, seines Zeichens Journalist, Schauspieler und Regisseur in einer Person. ,,Fröhliche Tage“ ist ein sehenswerter Beitrag zur Problematik der vom Tod begrenzten menschlichen Existenz. Basierend auf persönlichen Gesprächen und Aufzeichnungen eines an der Schwelle des Todes stehenden 24jährigen.


,,Fröhliche Tage": Der Tod als Entertainer?
Theater am Saumarkt: Welturaufführung des Einpersonenstücks von Walter Hiller durch Dietmar Nigsch

Edgar Schmidt
Vorarlberger Nachrichten, 25.09.1990

Am Samstag fand in Feldkirch die Urauffiihrung eines Stücks des Wiener Autors und Regisseurs Walter Hiller statt. In dieser Produktion des ,,Projekttheaters“ brilliert der Vorarlberger Dietmar Nigsch in einem diffizilen Neunzigminutensolo.

In den doppelbödig gemeinten ,,Fröhlichen Tagen“ geht es um eine tödliche Krankheit und den Tod. Das Stück entstand in persönlichen Gesprächen mit einem 24jährigen Todeskandidaten (,,Für Manfred“) – es fallen die Worte Aids, Krebs. Der Autor legt sich auch in der zwischenmenschlichen Position der Hauptfigur nicht fest – es wird von einer Frau und den Kindern gesprochen, dann wieder scheint eine gleichgeschlechtliche Bindung des Mannes wahrscheinlich. Auf der Bühne steht der Entertainer Max. Während er sein schon glatt gewordenes Programm abspult, begleitet ihn stets das Schicksal jenes Menschen, der den nahen Tod vor Augen hat. Und Max tritt nun immer wieder aus seiner Entertainerrolle heraus und wird zum Sterbenden, zu Figuren seiner Umgebung, die durch Familie, Eltern, Freunde, Arzte, Krankenhauspersonal, geistlichen Beistand etc. umschrieben sind.

Der Tod, der zwar auf der Bühne schon längst nicht mehr tabuisiert ist, wohl aber immer noch im menschlichen Alltag, provoziert laut Autor Walter Hiller die unmittelbar oder mittelbar von ihm Betroffenen zu Verhaltensweisen, die durchaus Unterhaltungswert haben. ,,Der Tod begleitet uns ständig und hat (in seiner oftmaligen Absurdität – müßte man hinzufügen) stets seine Witzchen parat. Wenn wir uns das bewußt machen, haben wir eine sehr schöne Zeit. Der Tod ist eben ein Entertainer.“ Was allerdings mit einem Fragezeichen zu versehen ist. Denn der Galgenhumor, mit dem der vom Tode Gezeichnete nun teils rebellisch, teils resignierend das Unausweichliche erwartet, hat letztlich doch wenig mit Entertainment zu tun. Gewiß, der Tod gehört zum Leben – aber dessen mehr oder weniger erfolgreiche ,,Verdrängung“ beschäftigt die Menschen allemal intensiver als dessen Annahme. Auf dem Weg zum Sterben erlebt Max zweifellos groteske, tragikomische Situationen – die ,,Fröhlichen Tage“, die kleinen verbleibenden Freuden bei diesem Countdown, sind aber eigentlich doch hoffnungslose, ,,traurige Tage“. Zumal der Autor in einer blasphemischen Hostienepisode nicht einmal den Gedanken an einen religiösen Trost am Sterbebett zuläßt.

Furiose Wandlungsfähigkeit

Hiller, der auch Regie führt, nimmt sich für das abendfüllende Einpersonenstück viel, bisweilen zuviel vor. Vom Mutterkomplex, von Freud und Ringel bis zu gängigen Spießeransichten, von den schon nicht mehr aufregenden antiklerikalen Ausritten bis zum Medikamentenritual der Ärzte, von beklemmender Depression bis zu verbalen Kalauern und Erotikkitsch, zu einer unnötigen Schwyzerdeutsch-Parodie – oder Ernst Jandl bzw. Peter Bichsel nachempfundenen Wortkaskaden – inhaltlich wie formal ist das Reservoir für Diskussionen jedenfalls groß. Besser noch als das oftmals ausufernde Stück ist der grandiose Darsteller – Dietmar Nigsch. Er vermag zum einen die Figur des gelackten Entertainers Max mit dem todgeweihten jungen Mann gültig zu verschmelzen; andrerseits spielt er mit furioser Wandlungsfähigkeit und sprachlicher wie mimischer Virtuosität die Menschentypen um ihn herum – die echten und die falschen Freunde, die Mitleidenden und die bloßen Voyeure, die Liebenden und die weißen Gefühlsroutiniers mit Spritze und Skalpell. Nigsch macht insgesamt betroffen – eine hervorragende Leistung! Die präzisen Kostüme stammen von Lies Bielowski, auf Band werden die Stimmen von Susanne, Benedek, Ingold Platzer und Kurt Sobotka eingespielt.

,,Sterben dauert ein ganzes Leben lang“, lautet ein Zitat aus den ,,Fröhlichen Tagen“. Dieselbe Binsenweisheit hat Nestroy auch schon und noch pointierter verkündet. Walter Hillers Stück ist aber zweifellos ein interessanter, gegenwartsbezogener Beitrag zur Problematik der vom Tod begrenzten menschlichen Existenz.


,,Fröhliche Tage" vor dem Tod

Eb
OÖN, 19.02.91

Wenn es nicht gerade darum geht, einen lang gehätschelten Despoten in die Schranken zu weisen. oder einen Heiligen Krieg gegen die westlichen Imperialisten zu führen, dann ist es nicht jedermanns Sache, dem Tod ins Auge zu schauen. Schon gar nicht, wenn es einen jungen Menschen trifft, der erfährt, dass er nur mehr kurze Zeit zu leben hat. Aber auch seine Umgebung, seine Freunde und Verwandten, haben im Ungang mit dem langsamen, aber sichern Sterbenden ihre Probleme.

„Fröhliche Tage“, eine Produktion des Vorarlberger Projekttheaters (Text und Regie: Walter Hiller) und am Dienstag zu Gast im Linzer Phönix, berichtet von diesem Nicht-Umgehen-Können und dem Sterben des anderen. Max, der Entertainer (Dietmar Nigsch, im Phönix schon in Heiner Müklers „Quartett“ und jetzt in Taboris „Mein Kampf“ zu sehen) wird bei seinen billig-glatten Spaßmachereien von der Geschichte dieses jungen Mannes begleitet, bis der Entertainer weg und nur mehr der andere, der Todkranke da ist – allein.

Freilich, kaum jemand macht gern Krankenbesuche, und schon gar nicht bei einem, dem nicht viel Zeit bleibt. Was reden, was ihn fragen, was möglicherweise vorwerfen wie etwa die Mutter: ,,Was werden denn die Nachbarn sagen, wenn du so jung stirbst?“ Vielleicht so reagieren wie eine sogenannte Freundin, die Migraneanfälle bekommt, wenn sie an sein Leiden denkt. Es sind Momentaufnahmen aus der ,,Endzeit“ – in der jeder für sich allein stirbt.

Es stört die fröhlichen Tage, wenn der Tod hereinschnuppert. Zwar beim andern nur, aber doch auch als Hinweis, dass er irgendwann, zumeist recht unvermutet, in der eigenen Tür stehen wird. So ist dieser Abend ein Hinweis, den fröhlichen Tagen mehr Beachtung zu schenken. Daß der Hinweis den Weg zum Adressaten findet, ist ganz besonders Dietmar Nigsch zuzuschreiben.


Allerseelenstück, das in dunkles Schweigen zwingt

g.k.
Tiroler Tageszeitung, 01.11.1990

Wiedersehen mit Ernst Paar, einem Protagonisten der Innsbrucker Theatergeschichte: Eine persönliche Erfahrung – der Tod eines nahen Freundes – hat ihn zur kurzfristigen Rückkehr ans Theater bewogen: Der Freund, knapp vor seinem 25. Geburtstag an Aids gestorben, hatte in langen Tonbandprotokollen seine Erfahrungen, Gefühle Befindlichkeiten während der letzten Lebensmonate festgehalten.

Ernst Paar und Walter Hiller – auch er ein Gefährte vom Landhausplatz – stellten daraus einen Monolog „Fröhliche Tage“ zusammen. Die Auseinandersetzung mit dem Sterben und seinen Begleitumständen geriet zum Nachruf für einen Freund und zur eigenen Bewältigungsstrategie.

Soviel distanzlose Betroffenheit macht die Rezensentin sprachlos, läßt Fragen nach Aufbau und Dramaturgie nur vorsichtig zu. Eigentlich ist die Form des Monologs nicht adäquat. Die fulminante Abrechnung mit den Überlebenden verlangt auf der Bühne nach präsenten Gegenspielern; Stimmen aus dem Off genügen nicht.

Max, Entertainer, führt die Stationen seines Sterbens vor. Einem rot ausgeschlagenen Koffer entnimmt er seine Lebens- und Todessymbole: die Eltern – zwei Puppen, die Liebe – eine weiße Rose, die Kirche – ein Kreuz, die Medizin – verscheidenfarbige Infusionen. In einem bravourösen Solo entblättert sich Dietmar Nigsch psychisch und physisch. Im Lauf des Abends legt er das von Lies Bielowski geschneiderte Kostüm ab, er schlüpft aus dem schwarzen Umhang, nimmt Schal und Zylinder ab, das orangefarbene Glitzerjackett, Hemd und Hose. Zurück bleibt eine ephebenhafte, lichte Gestalt, die mit letzten Worten zu Tränen rührt. Zurück bleiben auch die sogenannten Freunde, die den Sterbenden gemieden haben, zurück bleibt die Mutter, unfähig, das Leiden ihres Kindes anzunehmen, zurück bleiben die Ärzte, die den humanen Tod verweigern und die Priester, die keinen Trost spenden. Ein Allerseelenstück, das die Zuschauer in dunkles Schweigen stürzt.



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