Ich leckte das Deodorant einer Nutte

von Jim Cartwright

Ein Mann, eine Frau, eine verkommene Ecke in London. Er leckt an ihrem Deoroller. Der Beginn einer Beziehung, einer höchst seltsamen Beziehung zwischen einer drogenabhängigen Prostituierten und einem übertrieben gefühlvollen Geschäftsmann. Er folgt ihr auf Schritt und Tritt, wieder und wieder begegnen sie sich an den dunkelsten Orten der Stadt. Am Ende findet er seine Erfüllung. Unter ihrem Bett liegend, fühlt er das Leben, wenn ihm wieder ein gebrauchtes Kondom ins Gesicht fliegt…
Cartwright hat ein böses Prosa-Poem aus den Abgründen der Begierde in den verkommenen Großstädten der Neunziger geschrieben. Ein ekelhaft schöner Aufstieg aus der Obszönität zur Poesie.

Premiere: 13. Oktober 1999 im Hallenbad Feldkirch

Regie: Walter Hiller
Es spielen: Maria Hofstätter, Dietmar Nigsch
Kostüme: Renate Schuler
Musik: Dietmar Schipek


Pressestimmen

Namenlos bis zum Schluß
Das Projekttheater Vorarlberg spielt im Hallenbad im Feldkircher Reichenfeld „Ich leckte das Deodorant einer Nutte“ des Engländers Jim Cartwright.

Brigitte Kompatscher
NEUE Vlb Tageszeitung, 07.05.1999

Das Projekttheater Vorarlberg spielt im Hallenbad im Feldkircher Reichenfeld „Ich leckte das Deodorant einer Nutte“ des Engländers Jim Cartwright.

Die untersten Schichten der Gesellschaft, Personen an deren äußersten Rändern, in denen Schreien oder Flucht aus der existierenden Realität zu einzig möglichen Überlegensstrategien werden, beinhalten in Jim Cartwrights Stück „Ich leckte das Deodorant einer Nutte“ dennoch den Boden für das Aufkommen einer Liebesgeschichte. Zwei kaputte Existenzen ohne Perspektiven: Ein verängstigter, einsamer Mann und eine Frau, eine alternde Prostituierte, deren Lebensinhalt der Drogenkonsum bildet, weil es für sie die einzige Möglichkeit scheint, das Leben überhaupt noch zu ertragen, finden sich gemeinsam wieder. Die verzweifelte Hoffnung dem Alleinsein zu entrinnen, läßt die beiden zu ungleichen und doch seelenverwandten Verbündeten werden, um der Gesellschaft zu trotzen.

Abgestumpft und roh gebärdet Sie sich, ihren eigentlichen Namen hat sie vergessen. Sie ist ein Produkt dessen, was ihre Vergangenheit, ihr Leben, Männer aus ihr gemacht haben: eine Nutte. Er lebt dahin, befriedigt seine Sehnsucht nach Zwischenmenschlichem, nach Gefühlen mit dem Lecken ihres Deodorants.

Walter Hillers Inszenierung des Stücks lotet die schauspielerischen Möglichkeiten seiner DarstellerInnen Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch zur Gänze aus und schafft eine beklemmende, unter die Haut gehende Interpretation. Maria Hofstätter ist eine phantastisch vulgäre, aufdringliche Nutte, ohne daß dabei die sensibleren Zwischentöne verloren gehen. Berührend das Bild, wo sie den zusammengeschlagenen Mann an der Mauer stützt, ihn herumschleppt. Die Vereinsamung des Mannes ist deutlich sichtbar, leise erzählt er seine Geschichte, die von Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Nicht einmal in Ansätzen ist die Gefahr eines Abgleitens in Klischees oder plakative Sentimentalität vorhanden. Mit ehrlicher und glaubwürdiger Offenheit schaffen Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch die schwierige Gratwanderung in einem Stück, in dem Zorn, Wut und Resignation dominieren.

Die beiden Menschen werden nicht zu einem Paar, jede(r) bleibt sich selber treu, bleibt, was er/sie ist und konstruieren dennoch eine Gemeinschaft, deren Zusammenleben symbiotischen Charakter hat.


Texte auf High Heels
Projekttheater im Feldkircher Hallenbad

Christa Dietrich
Vorarlberger Nachrichten, 07.05.1999

Als das Wiener Schauspielhaus die „Best of British“-Serie startete, war nicht beabsichtigt, die Stücke englischer Autoren einzeln aufzubereiten, es wurden drei genommen, die sich auf der Bettenlandschaft, in die das Theater umgestaltet wurde, ausbreiten ließen. Eines davon läuft nun im Feldkircher Hallenbad – aus der schummrigen Sofastimmung herausgepflückt vom Projekttheater Vorarlberg und hineingebettet in eine kalte, rauhe Baustellenwelt.

Jim Cartwright, der Urheber dieses Grusicals in Sachen Vereinsamung, hat sich nicht auf Ursachenforschung begeben. Mit einiger Fabulierlust erlaubt er einer abgetakelten Nutte und einem Kontaktscheuen den Lebensekel auszuspeien. Einmal ein stilles, einmal ein grelles Elend. Er ist so allein, daß das Lecken eines Deodorants als zwischenmenschliche Kontaktaufnahme fast schon ausreichend ist. Dietmar Nigsch kommt mit den nonverbalen Einblicken in eine Welt scheuer Begierden besser zurecht als mit den Monologen, die zwar nicht von Larmoyanz hier, aber doch von Klage gekennzeichnet sind. Sie stemmt sich crackverseucht mit signalroten High Heels (Kostüme Renate Schuler) gegen eine Konsum-Welt, die solche Randexistenzen produziert, um sie dann fallenzulassen. Alles, nur keine Sozialromantik, mag sich Regisseur Walter Hiller gedacht haben, und crasht den Text durch, den Maria Hofstätter kraftvoll, schniefend, stampfend und maulend gelegentlich wienerisch einfärbt. Keine Angst, auch wenn die beiden letztlich zusammenziehen, besteht nicht die Gefahr, daß die Zuschauer gar mit dem Klischee der Hure mit weichem Herz konfrontiert werden.

Eintönig, aber schonungslos

„Ich leckte das Deodorant einer Nutte“ ist eines jener Trashstücke, die keine Botschaft vor sich hertragen, sondern einen Zustand aufzeigen, der von Vorarlberger Verhältnissen gar nicht so weit entfernt ist, wie man es vielleicht gerne hätte. Und das Projekttheater hat sich mit dieser unprätentiösen Powerversion dieses schon von der Vorlage her eintönigen Stücks erlaubt, an der Fassade zu kratzen. Ohne billige Provokation, dafür schonungslos.


Peripherie des Menschseins
Projekttheater Vorarlberg zeigt Stück von Jim Cartwright

Edgar Schmidt
VN-Heimat, 12.05.1999

Das renommierte Projekttheater Vorarlberg zeigt derzeit im Stella-Hallenbad ein Zweipersonenstück des 1957 geborenen englischen Autor Jim Cartwright.

Der Titel ,,Ich leckte das Deodorant einer Nutte“ möge ,,anonyme“ Voyeure nicht zu falschen Schlüssen verleiten, denn die verbal-ordinäre Schale ist nur der Aufmacher für ein zutiefst existentielles Problem – Menschsein an der Peripherie der Menschenwürde, die trostlose Vereinsamung der zur gesellschaftlichen ,,Entsorgung“ freigegebenen Kreatur…
Zwei Figuren als Strandgut des Lebens: Er, ein naiv-introvertierter Sonderling, verklemmt, kontaktarm, ängstlich, in ständigen Selbstgesprächen Halt suchend und mit seinem kleinen ,,Glück“ zufrieden, das Deodorant einer Nutte geleckt zu haben… Sie: eben diese alternde Nutte, grell, vulgär, drogensüchtig durch Crack, ein geschminktes Wrack ohne Zukunft, ihre täglichen ekelhaften Demütigungen verzweifelt in die Welt hinausschreiend…. Peter Turrini hat in seiner frühen ,,Rozznjagd“ ein ähnliches Sujet der Hoffungslosigkeit verwendet, Jim Cartwrights Stück ist trotz der Annäherung der beiden Figuren (der Mann ist schließlich zufrieden damit, unter dem Bett der Nutte leben zu dürfen!) aber viel kompromißloser und ohne je den ironischen Schimmer (wie bei Turrini).

Hofstätter und Nigsch

Das Projekttheater ist schon längst für Stücke, die an die Grenze gehen, prädestiniert; nicht nur durch den für provokative Problematik besonders sensibilisierten Regisseur Walter Hiller, sondern auch durch die beiden Protagonisten Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch – oftmals schon Spezialisten für ,,kaputte Typen“.
Walter Hiller setzt auf krasse Realistik; Maria Hofstätter brilliert – nach peniblen Milieustudien – als beklemmend echtes Rinnsalgewächs, das trotz der lauten und schäbigen Oberfläche (Kostüme: Renate Schuler) aber stets die demolierten menschlichen Züge noch bewahrt. Und Dietmar Nigsch macht sein Schicksal des Ausgestoßenen, Getretenen mit leisen Tönen und verknappter Gestik berührend transparent. Die Musikkulisse schuf Dietmar Schipek.



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