Killer Joe

von Tracy Letts

Österreichische Erstaufführung

Eine von der Zwei-Klassen-Gesellschaft ausgekotzte Familie. Ein Mordkomplott. Fastfood und langsame Denker. Ein Schrottplatz, ein Wohnmobil. Und die Liebe zwischen einem Auftragskiller und einem zurückgebliebenen Mädchen.

Premiere: 25.Jänner 2007 im Hallenbad Feldkirch
Wien-Premiere: 06. Mai 2008, Rabenhoftheater Wien

Regie: Susanne Lietzow
Es spielen: Sandra Bra, Peter Badstübner, Maria Hofstätter, Dietmar Nigsch, Sebastian Pass

Musik: Herbert Tampier
Ausstattung: Marie Luise Lichtenthal
Bühnenbau: Stephan von Tresckow
Lichtdesign/Technik: Bartek Kubiak, Gerhard Grasböck
Assistenz: Kryschda Jahn


Pressestimmen

Gut gekotzt, Hirschlein
Seit gestern Abend bewegt sich das Projekttheater auch am Rande des Abgrundes.

Christa Dietrich
Vorarlberger Nachrichten, 26.01.2007

Im Vorjahr mit dem Wiener Theaterpreis „Nestroy“ als beste Off-Bühne in Österreich ausgezeichnet, weckt das Projekttheater Vorarlberg selbstverständlich Erwartungshaltungen.
Doch der Schlag, den das Publikum gestern Abend im Reichenfeld-Hallenbad in Feldkirch (zum Teil auch sichtlich verstört) entgegennehmen durfte, fiel heftig aus. Solche Szenen knallt man den Leuten eben vor den Latz, wenn man vor hat, jene luftig poesievolle Stimmung, die man mit dem preisgekrönten H.-C.- Artmann-Stück „How much Schatzi“ erzeugte, nicht länger prolongieren zu wollen.
Trash musste her und beim Amerikaner Tracy Letts und seiner schon etwas älteren, aber nie in Österreich gespielten Außenseiter-Studie „Killer Joe“ wurde man fündig.

Der Schein trügt
In einer Wohnwagenkolonie am Rande der alles beherrschenden und bestimmenden Industriekonzerne hat sich die Armut festgefressen.
Ein zusammengewürfelter Haufen dahinvegetierender Menschen spielt irgendwie Familie.
Ein Rockmusiker provoziert romantische Stimmung, ein Auftragskiller, der für ein schöne Erbschaft sorgen soll, Spannung. Doch der Schein trügt. Was uns in feinerer Umgebung – angesichts der doch eher oberflächlichen Spielhandlung – angenehm unterhaltendes Prickeln auf die Haut zaubern würde, geht hier drunter. Weiter als man es haben möchte.
Und bevor sich dann wiederum Anteilnahmslosigkeit am steten Kriechen am Abgrund einschleicht, lässt Regisseurin Susanne Lietzow die Szene jeweils kippen, immer wieder anhalten.

Pure Sehnsucht
Hinter den Fassaden der drogensüchtigen Mutter, des sich fett gefressenen Vaters, des nur noch strauchelnden Sohnes und der behinderten Tochter blitzt pure Sehnsucht auf. Das ist nicht Kitsch, nicht einfach nur ergreifend, sondern eine jeweils kurze Konfrontation mit Tatsachen, die kein Wegschauen mehr zulassen.
Und es ist Ergebnis eines perfekt angelegten Zusammenspiels der bewährten Projekttheater-Crew Maria Hofstätter, Dietmar Nigsch, Sebastian Pass, Sandra Bra und Peter Badstübner.
Herbert Tampier sitzt als Musiker auf der Seite und inmitten der Wohnwagentristesse hat Ausstatterin Marie Luise Lichtenthal ein Hirschlein postiert.
Zum mörderischen Finale kotzt es sich dann aus. Alles nur ein Witz. Wenn es denn das wäre …


"Killer Joe", ein trashiger Theaterthriller
Langsame Denker und schnelle Sager

Triumphale Landung eines schäbigen, zugemüllten Wohnwagens, der aus Texas über Vorarlberg nach Wien kam.

Caro Wiesauer
Kurier, 22.02.2007

Ein Schrottplatz in Texas. Vorm Lagerfeuer sitzt ein Vietnamveteran und klimpert auf der Gitarre. Im Wohnwagen plappert und singt ein ausgestopfter Hirsch mit Wackelohren. Hinter der ärmlichen Behausung knurrt und bellt ein Hund. Untenrum und rundherum ist alles mit Bierdosen und Fast-Food-Abfall zugemüllt.
Trautes Heim Willkommen im trauten Heim der Familie Smith, Schauplatz der österreichischen Erstaufführung von „Killer Joe“- geschrieben vom US-Amerikaner Tracy Letts, umgesetzt vom Projekttheater Vorarlberg, gastierend im Künstlerhaus-Theater.
Im Schein einer Plastikblumenlampe sitzt das Obelix-gleiche Oberhaupt Ansel Smith (Dietmar Nigsch) auf einer Autositzbank, starrt auf den am Plüschbarhocker festgeklebten Fernseher und lässt sich von seiner grantelnden Frau Sharla (Maria Hofstätter), die gern mit strohblonder Perücke oben, dafür unten ohne geht, das Bier servieren.
Ein Idyll, das den Charme einer real gewordenen Simpson-Wohnstube versprühen könnte, würde es sich nicht mit der Heimkehr des Sohnes Chris in eine Pulp-Fiction-Szenerie mit trashiger, grotesker Note verwandeln.
Der Plot: Chris (Sebastian Pass) will einen Killer engagieren, seine Mutter aus dem Weg räumen und ihre Lebensversicherung kassieren; seine Schwester Dottie (Sandra Bra) sei die Begünstigte. Vater Ansel, seine (neue) Frau Sharla und Dottie finden den Plan okay und wollen teilen.
Killer Joe (Peter Badstübner) nimmt Dottie als Pfand für das Honorar. Dieses engelsgleiche Wesen, das Naivität und Allwissenheit zugleich ausstrahlt, tritt im Finale aus ihrer Opferrolle heraus und wird als einzige Überleben.
Eine jede Sekunde spannende, aberwitzige und zutiefst berührende Theaterproduktion, bei der alles passt und perfekt harmoniert.
Tolle Ensemble-Leistung, große und detailgenaue Regiearbeit von Susanne Lietzow und ein Bühnenbild der Extraklasse (Marie Luise Lichtenthal). Was will man mehr.


Glanzvolle Premiere von „Killer Joe“
Im Alten Hallenbad in Feldkirch war am Donnerstagabend die Premiere der Krimikomödie „Killer Joe“. Das Ensemble des Projkettheaters Vorarlberg überzeugte mit einer mutigen Inszenierung und glänzenden schauspielerischen Leistungen.

Hein Näscher
Liechtensteiner Vaterland, 27.01.2007

„Killer Joe“ handelt von Menschen, die von der Gesellschaft ausgestossen sind, Menschen, die zwar alle ihre Träume und Sehnsüchte haben, denen das Leben aber keine echte Chance gibt. „Ich nenne nur das Stichwort Hartz IV, sagt Regisseurin Susanne Lietzow und will damit ausdrücken, dass man nicht in die Ghettosiedlungen von Grossstädten wie etwa Sao Paulo gehen muss, um auf dieses Phänomen zu stossen.
Die vom Publikum mit tosendem Applaus und zahlreichen Bravo-Rufen gefeierte Premiere überzeugt durch eine unkonventionelle Regiearbeit. Mit Elementen des Filmgenres gelingt es Susanne Lietzow, das menschliche Einzelschicksal in szenischen Sequenzen überzeugend darzustellen. Unterbrochen werden diese Szenen immer wieder durch den Musiker – eine Figur, die es im Originalstück nicht gibt und die von Herbert Tampier von der legendären Polit-Rockgruppe „Die Schmetterlinge“ interpretiert wird, der dem Zuschauer mit hervorragender Stimme und E-Gitarre hilft, ob des gezeigten Elends nicht in depressive Stimmung zu verfallen. Die Musik lässt Erinnerungen an ein Roadmovie aufkommen, signalisiert Weite, die Möglichkeit, der Situation zu entkommen. Doch genau diese Möglichkeit haben die Figuren nicht. Sie leben in einem Wohnwagen am Rand einer Müllhalde und kommen hier nicht weg. Durch die räumliche Enge wird das Leben unerträglich. Perspektivlos vegetieren die Figuren vor sich hin.
Durch das gedämpfte Licht, in dem sich die Szenerie abspielt, entsteht eine intime Nähe zum Geschehen, zu den tragischen Figuren. Das Menschliche wird greifbar.
Zwar wartet die Inszenierung nicht mit Reibungspunkten auf wie etwa „How much Schatzi“, mit dem das Projekttheater Vorarlberg im vergangenen Jahr den mit 30 000 Euro dotierten Nestroy-Preis gewonnen hat. Das liegt aber hauptsächlich an der Natur des Stücks, an der skizzierten Auswegslosigkeit. Susanne Lietzow hat immer wieder Situationskomik in die Dramaturgie eingestreut, die das Gebotene erträglich macht. Der Hirsch führt als absurdes und witziges Element ein Eigenleben. So kotzt er am Schluss des Stücks, das in der Katastrophe endet, auf die Darsteller und das Leben, womit dem Ganzen ein humoristischer Schlusspunkt gesetzt wird.


Killer Joe im Hallenbad – Harter Thriller
Das Projekttheater Vorarlberg auf neuen Wegen

Feldkirch – Wenn das kürzlich mit dem Nestroypreis in Wien für die beste Off-Produktion ausgezeichnete Projekttheater mit einer österreichischen Erstaufführung aufwartet, ist dies ein Pflichttermin, denn mit Sicherheit darf man mit einem spannenden Theaterabend rechnen. Das neue Stück von Tracy Letts ist knallhart und lässt dem Besucher kaum Zeit zum Atmen, geschweige denn, die Dinge zu Ende zu denken.

Reinold Tavernaro
Liechtensteiner Volksblatt, 27.01.2007

Es ist schon verrückt, welchen Stoff sich Dietmar Nigsch und Maria Hofstätter ins Haus geholt haben. mit den bewährten Akteuren, einer von spritzigen Ideen überschäumenden Susanne Lietzow (Regie) und der hautnah agierenden Bühnenbildnerin Marie Luise Lichtenthal wurden diesmal mit „Killer Joe“ völlig andere Dimensionen erreicht. Nach „How much Schatzi“, der ausgezeichneten Produktion mit eher feinen und poesievollen Tönen des vergangenen Jahres, ging es nun zur Sache.

Ein harte Thriller
Der Stoff, aus dem diese Geschichte gemacht ist, ist relativ einfach. Chris, der Sohn der Familie, hat Problem, da ihm seuine Mutter Kokain geklaut hat, das er verkaufen sollte, um damit seine Schulden zu bezahlen. Er kommt auf die absurde Idee, sie umbringen zu lassen um an ihre Lebensversicherung zu gelangen. Dad willigt nach erstem Zögern ein, gemeinsam engagieren sie eine Profikiller. Der verlangt Vorauskassa und die können Dad und Chris nicht erbringen.
Sie geben dem Killer schließlich die leicht behinderte Schwester als Pfand. Leider ist die Lebensversicherung nicht wie geplant auf die Schwester ausgeschrieben, zudem hat die neue Frau einiges auf dem Kerbholz. Nun nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Regie und Besetzung
Der Trash-Thriller spielt irgendwo am Rande der Stadt, dort wo die Menschen gestrandet sind und keine Perspektiven mehr haben. Der Wohnwagen zeigt diese Idylle, in der sich alle bewegen, ein Lagerfeuer, ein Sänger mit seiner E-Gitarre und als immer wiederkehrendes Utensil der Hirsch an der Wand, der durch seine Bewegungen seinen Beitrag zur Horrorgeschichte leistet. Sebastian Pass (Chris), der Unruhig, nervös und ängstlich, manchmal schreiend, Dietmar Nigsch (Ansel), der Schwerstübergewichtige (ein Fingerzeig des Autors), Maria Hofstätter (Sharla), die das Anrüchige in ihr nicht verbirgt, Sandra Bra (Dottie), leicht behindert, macht alles, was man ihr anordnet, und Peter Badstübner (Killer Joe Cooper), der eiskalte, schmierige und brutale Killer, der von nichts zurückschreckt. Das gesamte Ensemble in einem großartigen Zusammenspiel geht an seine Grenzen, das Publikum ist manchmal überfordert. Die Akteure sind kühl und berechnend, die Regie zeigt mehrmals sehr viel Realität, manchmal zu viel – die Nacktheit auf der Bühne.
Die Smiths haben die Rechnung nicht ohne ihre Tochter Dottie gemacht, alle müssen sterben, selbst der Hirsch an der Wand fand dies zum „Kotzen“.


"I´m a loser baby - So why don´t you kill me"?
Im Hallenbad in Feldkirch zeigt das Projekttheater Vorarlberg derzeit die österreichische Erstaufführung von Tracy Letts Trash-Thriller „Killer Joe“.

Brigitte Kompatscher

Neue Vorarlberger Tageszeitung, 27.01.2007

Es ist klein, das Universum dieser Familie, die in einem heruntergekommenen Wohnwagen irgendwo am Rande in finanzieller und sozialer Armut lebt.
Ihr Bewegungsradius geht nicht weit über das Wohnmobil hinaus, das Leben scheint ein zähes Ringen, ein ständiger Kampf zu sein, in dem die einzelnen Figuren oft kaum mehr als Marionettenfunktion haben – trotz aller Wünsche und Sehnsüchte, für deren Umsetzung sie eigentlich bereit wären etwas zu tun.

Schonungslos
„Killer Joe“ des amerikanischen Autors Tracy Letts ist eine absurde, durchgeknallte (was durchaus wörtlich zu nehmen ist) Parabel auf die VerliererInnen der Gesellschaft, auf die Ausgemusterten, die von Regisseurin Susanne Lietzow schonungslos und direkt – mit zahlreichen Überspitzungen – auf die Bühne gebracht wurde. Eine offensive Inszenierung, die ihre Wirkung nicht verfehlt.
Der fettleibige Vater, Ansel Smith (Dietmar Nigsch), ist nicht nur körperlich sondern auch geistig unbeweglich, der Sohn Chris (Sebastian Pass) stolpert unaufhaltsam von einer Katastrophe in die nächste, die Tochter Dottie (Sandra Bra) ist geistig zurückgeblieben, seit ihre Mutter sie als Kleinkind ersticken wollte. Sharla (Maria Hofstätter), die zweite Frau von Ansel, wirkt als einzige halbwegs lebensfähig – allerdings wird auch sie scheitern. Vater und Sohn engagieren den Auftragskiller Joe Cooper (Peter Badstübner), einen Polizisten, um an die Lebensversicherung von Ex-Frau bzw. Mutter zu kommen. Der verlangt Dottie als Pfand, weil die beiden nicht im voraus zahlen können – der Anfang vom Ende.

Bestandsaufnahme
Stück und Regie geben den Blick frei auf einen Mikrokosmos, ohne nach Ursachen oder Gründen zu forschen. Vielmehr ist „Killer Joe“ eine Bestansaufnahme, die brutal und rau ausfällt und in der nur ganz kleine Hoffnungsschimmer aufblitzen, etwa die durchaus vorhandene Liebe von Chris zu seiner Schwester. Überzeugend sind die schauspielerischen Leistungen der bewährten DarstellerInnen, die den Figuren die nötige Stumpfheit und Apathie, Verlorenheit und Verzweiflung, Gefährlichkeit und Wut verleihen und dadurch eine packende Geschichte ermöglichen.

Viel Applaus
Radikal werden die Abgründe dargestellt, die dann wieder mit dem abseits stehenden Musiker (Herbert Tampier), der mit einer Art Countryatmosphäre einen Gegenentwurf schafft, oder dem singenden bzw. sprechenden Hirsch abgefedert bzw. teilweise konterkariert werden. Aber es sind nur kurze Ruhepausen: Die Spirale aus Gewalt dreht sich geradewegs auf ein tödliches Ende zu, aus dem es kein Entrinnen gibt oder, wie es der amerikanische Sänger Beck in seinem Hit formulierte: „I´m a loser baby – So why don´t you kill me?“. Viel Applaus gab es am Donnerstagabend vom Premierenpublikum.


Muttermord: Theaterglück im Ländle

Der Standard, 30.01.2007

Feldkirch – US-Autor Tracy Letts entwickelte seinen Trash-Thriller Killer Joe 1993 aus den Strukturen einer Tragödie: Er zeigt das zwangsläufige Scheitern einer Unterschichtfamilie, die die Mutter umbringt. Diese ist im Besitz einer Lebensversicherung, die sich die Kinder Chris und Dottie, Ex-Mann Ansel und dessen Frau Sharla teilen wollen.

Durch Irrtum, Betrug und Intrige kommt die Familie aber nicht in den Genuss der Erbschaft, und Killer Joe Cooper, ein gewalttätiger Redneck, sieht sich um seinen Lohn betrogen. Den finalen Showdown überlebt lediglich das einfältige Nesthäckchen Dottie. Dieses linear erzählte Stück wurde vom Projekttheater Vorarlberg in ein Spektakel voller überraschender Effekte verwandelt, das frenetisch bejubelt wurde.

Solchen Beifall hört man selten in Vorarlberg. Doch keine Projekttheater-Inszenierung ist in den vergangenen Jahren misslungen. Die letztjährige Bearbeitung von H.C.Artmanns How much Schatzi? etwa brachte dem Ensemble den Nestroypreis für die beste Off-Produktion ein. Die Seele des Unternehmens sind Ensemblegründer Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch, die vor vier Jahren Regisseurin Susanne Lietzow an Bord holten. Sie entwickelt ihre Stücke bevorzugt aus dem Bild heraus. In diesem Fall ist das ein Wohnwagen, der in enger Kooperation mit Ausstatterin Marie Luise Lichtenthal mit „Patina“ überzogen wurde. Lietzow ist eine Kapazität, die mühelos an großen Bühnen reüssieren könnte. (mh)



Kontakt

14 + 11 =