Pterodaktylus

von Nicky Silver

Zynisches Lachen über Aids

Was tun, wenn der verlorene Sohn heimkehrt mit der Nachricht: „Ich habe Aids“? Schreien, weinen, ihn verfluchen? „Wir machen ein kaltes Büfett. Das wird nett“, entgegnet Mama Duncan ihrem Sohn Todd, der nach fünf Jahren in der Fremde standesgemäß mit einer Party begrüßt werden muß – da läßt sich die Mutter nicht beirren. Das Drama Aids – eine Farce.

Premiere: 18. September im Hallenbad Feldkirch, Österreichische Erstaufführung

Regie: Walter Hiller
Es spielen: Christine Aichberger, Peter Altmann, Robert Ernst Castellitz, Dietmar Nigsch, Brigitte Walk
Ausstattung: Renate Schuler
Licht/Ton: Firma artec
Abendtechnik: Jörg Weitze, Lenz Gschwendtner
Musik: Dietmar Schicke


…Bei „Pterodactylus“ heißt diese Wahrheit: Die Spezies Mensch ist dabei, sich selbst auszulöschen – so wie einst die Dinosaurier verschwanden, von denen einer als Mahnmal auf der Bühne steht. Schwarze Pointe der Silver-Komödie: Die Mama krepiert am Alkohol, die Tochter erschießt sich, und Papa sucht das Weite. Der HIV-Infizierte Todd steht als Sieger auf Zeit im Ring – Aids stärkt die Überlebenskraft.

Der Spiegel, 01.01.1996

Pressestimmen

Harter Kern unter klebriger Schale
Doch das Projekttheater beißt sich nicht die Zähne daran aus: ,,Pterodaktylus“ hatte Premiere

Christa Dietrich
Vorarlberger Nachrichten, 20.09.1997

„Pterodaktylus“ ist ein Stück, das man hassen müßte. Es giert nach der doofen Oberflächlichkeit der Mattscheiben-Situations-Komödien, und es ist so klebrig wie das larmoyante Gesabbere eines Fernsehpredigers. Man beginnt es zu lieben, wenn man entdeckt, daß erstens beides der Entlarvung von Menschen dient, die sich einander nicht mitteilen können und daß sich der Autor jeglichen klagenden Unterton verbeten hat.

Man beginnt es auch in dieser Inszenierung des Projekttheaters (Regie: Walter Hiller) zu lieben, weil man es verstanden hat, aus der schrägen Komödie keine fürchterliche Tragödie zu machen.

Die Verlogenheit, in der sich Menschen einpanzern, die verschiedenen Mechanismen der Verrweigerung sind keine Zeiterscheinung. Nicky Silver beklagt nicht den Zustand einer Welt, in der das Zusammenleben in der Familie nicht funktioniert, er bedient sich lediglich zeitgemäßer Motive, die Grundthematik ist zeitlos – Menschen werden verletzt und sie verletzen einander. Hier geht es nicht mehr darum, sich Vorteile zu verschaffen, die Mitglieder der Familie Duncan entpuppen sich als bereits schauderhaft abgehalfterte Wesen. Irgendwann sterben sie dann ja alle bzw. sie sterben aus – wie die Saurier, die dem Stück den Namen gaben.

Sohn Todd Duncan hat eine tödliche Krankheit. Mit leicht chaplinesken Bewegungen spielt Peter Altmann den jungen Mann, der nichts mehr zu verlieren hat – auch keine Skrupel. Er verführt den zum ,Dienstmädchen‘ degradierten Bräutigam der Schwester, dem Robert Ernst Castellitz die kindlichen Züge eines Wesens verleiht, das schon so viel hinter sich hat, daß alles, aber auch wirklich alles von ihm abprallt. Brigitte Walk zeigt mit der Schwester Emma alles Zerbrechliche, Zerstörte, hinter dem noch ein feiner Humor, aber niemals Zynismus keimt. Sie greift ständig nach Tabletten und erschießt sich letztendlich mit jener Pistole, die ihr der Bruder zur Hochzeit schenkte. Uraltelemente des schwarzen Humors werden hier plaziert, Nicky Silver bedient sich schamlos.


Dinos auf der Couch des Broadway-Autors

Anna Mika
Der Standard, 23.09.1997

Das ProjekttheaterVorarberg zeigt erstmals in Österreich ein Stück des US-Broadway-Autors Nicky Silver, der mit Fette Männer im Rock demnächst zu Burgtheater-Ehren kommt. Auch Silver, einen Meister der Groteske, beschäftigen die all gegenwärtigen Dinosaurier – er setzt die Geschichte der Vorzeigefamilie Duncan in Beziehung zum Leben und Aussterben der Riesenechsen. In dieser ,,schrecklich netten Familie“ beginnt es mit dem ganz normalen Alltagsgeplänkel in einer steril-neureichen Wohnstube, das sich zum Wahnsinn auswächst: Mutter Grace (Christine Aichberger) entpuppt sich als alkohol- und konsumsüchtig, Sohn Todd (Peter Altmann) ist Aids-krank, Tochter Emma (Brigitte Walk) leidet an psychosomatischen Störungen« Vater Arthur (Dietmar Nigsch) sieht die Seinen durch die rosarote Brille der Idylle.

Aber er begehrt seine Tochter, die Mutter hat mit dem Sohn geschlafen, und als Emma kurz vor ihrer Hochzeit ihren Bräutigam Tommy (Robert E. Castellitz) mit dem Bruder auf dem Sofa erwischt, erschießt sie sich. Gleichzeitg verliert der Vater seinen Job, nach und nach sterben alle bis auf Todd, dessen Bestreben es ist, ein Dinosaurierskelett im Wohnzimmer aufzubauen.

Während man zu Beginn noch glaubt, einem unterhaltsamen Remake eines Tennessee-Williams-Drama beizuwohnen, so wähnt man sich mit fortlaufender Dauer in einer antiken Tragödie angekommen und stellt unschwer fest, was die Moral von der Geschichte ist: Der moderne hybride Mensch wird das gleiche Schicksal erleiden wie die Dinosaurier – und aussterben.

Über weite Strecken kann „Pterodactylus“ in der stimmigen Regie von Walter Hiller faszinieren, doch es gibt auch Durchhänger. Aus dem Ensemble ragt Brigitte Walk als Emma heraus, zumal sie Lady Diana ähnelt..


Von der Unfähigkeit familiärer Bindungen

Ingo Kleinheisterkampf
NEUE VLB Tageszeitung, 20.09.1997

Das Projekttheater Vorarlberg führt mit Nicky Silvers „Pterodactylus“ eine löchrige Farnilienidylle vor. Alkoholismus, AIDS und Selbstmord sind die Gipfel einer seit Jahren falschen Familieninterpretation.

Nicky Silver ist in Österreich (noch) ein Unbekannter. Burgchef Claus Peymann hatte sich die Rechte zu Erstaufführungen gesichert, dort kommt in zirka zwei Wochen Silvers ,,Fette Männer im Rock“ heraus. Die tatsächliche Erstaufführung eines Silverstückes gab es dem zum Trotz im Feldkircher Hallenbad. Das Projekttheater treibt dort mit ,,Pterodactylus“ sein Unwesen und das ist durch und durch als positiv zu sehen.

Kaputte Familie

,,Pterodactylus“, das ist das Saurierskelett, das der Sohn Todd im Garten gefunden hat und langsam in der Wohnung wieder aufbaut. Todd ist homosexuell, war einige Jahre außer Haus und hat AIDS, was ihn allerdings nicht daran hindert seinen Schwager in spe Tommy zu verführen und anzustecken. Dieser wiederum schwängert Todds jüngere Schwester Emma und steckt sie bei der Gelegenheit ebenfalls mit dem tödlichen Virus an. Während der Vater Arthur als erfolgreicher Banker seine Kinder nur als Baseball-Fans sieht, obwohl sie das gar nicht sind, will Mutter Grace nur Parties organisieren, um dort offiziell und ungehemmt ihrer Alkoholsucht nachzukommen. Tommy, der stellungslose Fastschwiegersohn, wird als Hausmädchen angestellt und geht voll in der Rolle auf, er verliebt sich in Todd. Emma flieht ins Vergessen, solange das geht, sie endet mit Selbstmord, Arthur wird stellungslos und zum Sandler, die Mutter sauft sich tot, Tommy stirbt ebenfalls. Todd, der eigentliche Todeskandidat, überlebt als einziger. Latent drohende ödipale Beziehungen Mutter-Sohn und Vater- Tochter stehen im Raum, kurz: Die Familie Duncan ist völlig kaputt.

Amerikanische Tradition

Silvers Stück ist ein Stück der kurzen Dialoge. Die Sätze müssen Schlag auf Schlag regelrecht geschossen werden. Darüberhinaus ist es als Drama ein typisch amerikanisches, das sich in der Tradition der amerikanischen Dramatiker bewegt und, mit autobiographischen Sätzen durchzogen, die amerikanische Familie als Inhalt hat. Und damit offenbart sich auch die Problematik von Pterodactylus: Es ist irgendwie zu lang. Die Situation und deren Ende wird eigentlich ziemlich schnell klar, ab da plätschert das Ganze eigentlich nur noch dahin, bis passiert, was jeder erwartet. Und trotz der teilweise witzigen Dialoge wirkt das Stück, spätestens nach dem Selbstmord Emmas, gezogen.

Wären da nicht die Schauspieler gewesen. Was auf der Bühne des alten Hallenbades in Feldkich geboten wurde, kann sich problemlos mit einigen Landestheatern messen. Insbesondere Brigitte Walk, Dietmar Nigsch und Robert Ernst Castellitz beeindruckten durch facettenreiches Spiel. Christine Aichberger in der Rolle der Grace wirkte zwangsläufig etwas blaß, das liegt jedoch an der Rolle der party- und trinksüchtigen Mutter, Peter Altmann spielt den Todd hartherzig, was er ja auch ist, denn er nimmt de facto auf seine Aids-Erkrankung keine Rücksicht und verteilt den Virus munter weiter. Deswegen unterscheidet er sich doch nicht von seinen Eltern, obwohl er sich das so sehnlich wünscht.


Schlechte Klischees gut gespielt
Projekttheater Vorarlberg liefert ,,heißen“ Theaterherbst

Edgar Schmidt
VN-Heimat, 25.09.1997

Der sogenannte ,,Heiße Herbst“ im ehemaligen Stella-Hallenbad im Reichenfeld hat begonnen. Hier geht’s aber nicht um noch kommende, gewiß ,,heiße“ Debatten über den Weiterbestand oder das Ende des ehemaligen Hallenbads, das in großer Rasanz zum Mekka vieler, vor allem junger Kulturinteressierter geworden ist…

Das renommierte Vorarlberger Projekttheater will mit drei Produktionen für einen ,,heißen“ Theaterherbst sorgen – kürzlich hatte Nicky Silvers schräge Famillenkomödie ,,Pterodaktylus“ Österreich-Premiere, es folgt die moderne ,,Kabale und Liebe“-Adaption unter dem Titel ,,Macht Liebe Tod“, und im Oktober gibt’s nochmals die Erfolgsproduktion von Werner Schwabs ,,Präsidentinnen“ zu sehen.

,,Pterodaktylus“

Der Name einer Dinosaurierart hängt quasi als schiefer Haussegen über der ,,schrägen“, vielfach neurotischen Familie Duncan. Der Plot ist eine Häufung penetranter Groschenheftklischees wie: Vater tät’s gern mit der Tochter, die Mutter mit dem Sohn; dieser hat Aids, verliebt sich in den zukünftigen (schwulen) Schwager, der sich als neckisches Dienstmädchen am wohlsten fühlt. Die exaltierte Tochter erschießt sich; Tommy, das ,,Dienstmädchen“, stirbt an Aids, Vater verläßt das traute Heim, Mutter sauft sich zu Tode – übrig bleibt, wie das Saurierskelett, das im Garten gefunden wurde, der todgeweihte Duncan-Sohn Todd.

Dennoch: Alle werden einmal krepieren bzw. (nobler) aussterben – wie die Saurier. ,,Pterodaktylus“ – für eine Komödie wirkt vieles zu pathetisch-ernst, für eine Tragödie geht’s zu übertrieben-schrill zu. Jedenfalls verstand es Nicky Silver prächtig, sich von Miller über O’Neill bis Williams die wirksamsten Theaterhappen anzueignen. Nicht mehr und nicht weniger. Amerikanisches, unbekümmertes, TV-infiziertes Gegenwartstheater. Gespielt wird aber fulminant..

Ladies first

Brigitte Walk brilliert als nervös-exaltierte, auch durchaus tragikomische und dennoch zerbrechliche Tochter Emma; Christine Aichberger spielt die Mutter als ein von Suff und oberflächlichen Phrasen ausgehöhltes Wrack.

Peter Altmann verleiht dem Todkranken den adäqaten Frust samt menschenverachtendem Zynismus. Robert Ernst Castellitz stattet den schwulen Tommy mit berührendem Dienstmädchen-Charme aus, und Dietmar Nigsch als Vater lässt unter der glatten Fassade schwarze Abgründe erahnen. Regisseur Walter Hiller und Ausstatterin Renate Schuler schufen die griffigen Vorausetzungen für ein wegen der Schauspieler sehenswertes Bühnenspektakel.



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