Vieux Carré

von Tennessee Williams

Österreichische Erstaufführung
Triumph der Vergänglichkeit

eine Armutsinstallation für neun SchauspielerInnen und einen Musiker.

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Vieux Carré stellt in zwölf Szenen die vereinsamten Bewohner einer heruntergekommenen Pension vor und blickt hinter ihre Lebensgeschichten voller Wahnsinn, Gewalt und Persönlichkeitsstörungen. Tennessee Williams verarbeitet in Vieux Carré seine ersten Jahre als junger Schriftsteller. Das autobiografisch angelegte Stück beschreibt auch das Werden eines Autors und seines Werkes. Es steckt voller Extremsituationen und extremer Situationskomik.

Der zweifache Pulitzer- Preisträger Tennessee Williams (* 26. März 1911 in Columbus, Mississippi, † 25. Februar 1983 New York City), gilt als einer der größten US- amerikanischen Schriftsteller. Das Projekttheater erweist dem Autor anlässlich seines 100. Geburtstages die Ehre einer Österreichischen Erstaufführung.

Premiere: 24. März 2011 im Hallenbad Feldkirch/Vorarlberg
Wien Premiere: 09.September 2011, Schauspielhaus Wien

 


Regie: Susanne Lietzow
Es spielen: Martina Spitzer, Dietmar Nigsch, Rafael Schuchter, Peter Badstübner, Maria Hofstätter, Sybil Urban, Marc Fischer, Alexander Lughofer und Martin Zrost
Ausstattung: Marie Luise Lichtenthal
Livemusik/Komposition: Martin Zrost
Bühnenbau: Roland Ploner
Ton: Manfred Walser
Licht: Harald Michlits
Technik: Harald Michlits


Pressestimmen

Treibgut gebrochener Träume
Heftig akklamierte Premiere von T. Williams „Vieux Carré“ im alten Hallenbad

Johannes Mattivi
Liechtensteiner Volksblatt, 26. März 2011

Feldkirch – Zum 100. Geburtstag des verstorbenen amerikanischen Dramatikers Tennessee Williams grub das Projekttheater mit „Vieux Carré“ einen selten gespielten Ur-Williams aus.

Und siehe da: man erkennt im Menschenzoo der heruntergekommenen Pension in New Orleans, in der Williams als junger, noch verarmter Schriftsteller selbst wohnte, bereits das Personal seiner späteren Erfolgswerke. Die zart verträumte, erfolglose Designerin Jane Sparks (Sandra Bra) und ihr ständig betrunkener Freund Tye (Markus Heinicke) gemahnen schon an die „Glasmenagerie“, „Endstation Sehnsucht“ und entfernt an die „Katze auf dem heissen Blechdach“. Genau das war auch die Herausforderung, erklärt Regisseurin Susanne Lietzow: „Es ist spannend, dass in „Vieux Carré“ bereits alle Urfiguren in Tennessee Williams späteren Werk erkennbar sind, die er als junger Schriftsteller persönlich kennengelernt hat. Das originale Hotel steht übrigens heute noch in New Orleans.“

Sezierende Psychogramme
Die verlumpte Billigpension, in der das Stück spielt, ist eine Art Hotel California ( „we are all just prisoners here auf our own device“), das auf verschiedenen, exponierten Ebenen wie in einem menschlichen Setzkasten von einer ganzen Reihe gescheiterter Existenzen bevölkert wird, deren Hauptlebenszweck es ist, arm, dumpf und unbeweglich (zentrales Bühnenelement sind die verlausten Betten) ihrem wohl ebenso tristen Lebensende entgegenzudämmern. Der Tod ist denn auch im Stück der Exit für zwei der Protagonisten. Auf den verschiedenen Bühnenebenen entspinnt sich ein offenes Kaleidoskop der unglaublichsten kleinen Geschichten, die in dem hellhörigen Gebäude nicht privat bleiben können. Äusserlich passiert nicht viel in „Vieux Carré“ – kann auch nicht, weil es keine Perspektive und kein Entkommen gibt.
Dafür agiert der Schriftsteller in dieser Pension (ein Alter Ego von Tennessee Williams) wie ein „imbedded journalist“, der die Verhältnisse um sich herum und die gescheiterten Psychen der Pensionsbewohner minutiös als teilnehmender Beobachter analysiert und seziert, zu Literatur macht und gegen Ende des Stücks mit seiner Schreibmaschine quasi sogar die Regie über das Erlebte übernimmt und damit Abstraktion und Distanz zur beinharten Realität schafft, mit der das Publikum zuvor mehr als zwei Stunden lang konfrontiert wurde. Die beiden verwehten, verhungernden alten Ladys (herrlich skurril:
Maria Hofstätter und Sybil Urban), der TBC-kranke schwule Maler Nightingale (Peter Badstübner), die schwer bewegliche Mammy (Gwen Soba), die desillusionierte, am Wahnsinn entlag schrammende Hauswirtin Hortense Wire (Martina Spitzer).

Lebensecht transportiert
Das Ganze wirkt für einmal ungewohnt ernsthaft für das Projekttheater, wenn man ihre skurril-schrägen früheren Produktionen kennt, in der gerade die tragischsten Momente mit schrägstem Humor gebrochen wurden. Aber das Experiment geht – wie immer – auf, mit einem eindrücklich agierendem Bühnenensemble, der reduzierten Brockenstuben-Ästhetik des Bühnenbilds und der gezielt und effektvoll gesetzten Live-Begleitmusik von Martin Zrost. Wobei sich in „Vieux Carre´Tennessee Williams und das Projekttheater in ihrer jeweiligen Vorliebe für gebrochenen Figuren fast gegenseitig einen Gefallen tun. Williams hat die Figuren selbst erlebt und genau analysiert – das Team des Projekttheaters schafft es , diese Figuren lebensecht über die Bühne zu bringen. Ein wahrlich lohnender Theaterabend. Hingehen. Anschauen.


Wenn die Einsamkeit unter die Haut kriecht
Tennessee Williams´ „Vieux Carré“ gespielt vom Projekttheater im Alten Hallenbad in Feldkirch

Dagmar Ullmann-Bautz
Kultur, Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, 26. März 2011

Wir kennen sie doch schon – die extremen, die skurrilen Figuren der Regisseurin Susanne Lietzow. Und dennoch überrascht sie uns immer wieder – mit ihrem Ideenreichtum, ihrer ganz eigenen Art einen Text umzusetzen, zu interpretieren und mit ihrer ausgeprägten Figurensprache.
Gestern feierte das neueste Stück des Projekttheaters im Feldkircher Hallenbad Premiere. Susanne Lietzow inszenierte die österreichische Erstaufführung von Tennessee Williams` „Vieux Carré“. Ein Stück des schon älteren Tennessee Williams über seine, über die ersten, die noch unsicheren Schritte des jungen Williams, frisch aus der Provinz gekommen in die Stadt New Orleans. Es erzählt von seinen Begegnungen in der morbiden, desolaten Pension, in der er haust, mit ebenso morbiden und desolaten Menschen, vom Erwachen und Entdecken seiner Homosexualität.
Voyeuristischer Blick in die hintersten Winkel
Vieux Carré bezeichnet das alte französische Viertel von New Orleans, wo Mrs. Wire (hervorragend Martina Spitzer) mit strenger, fast gewalttätiger Hand diese unsägliche Pension führt, in der sie jede Bewegung eines jeden ihrer Bewohner mit Argusaugen verfolgt. Und obwohl hier acht Menschen zusammen unter einem Dach leben, leiden sie alle unter größter Einsamkeit, sind krank vor Einsamkeit, sterben an Einsamkeit.
Die Bühne von Marie Luise Lichtenthal, bestehend aus verschiedenen Ebenen, mit Treppen und Podesten, gleicht einem Abbruchhaus in dem noch ein paar Penner ihre letzten Stunden verbringen – überall Müll und Dreck, Qualm und Rauch. Voyeuristisch blickt der Zuschauer in den hintersten Winkel dieser Behausung, beobachtet die Menschen bei ihrem Kampf ums Überleben, bei ihrer qualvollen Sehnsucht nach ein bisschen Nähe, nach sexueller Erfüllung, oder ganz einfach nur nach Essen.  Und spätestens wenn Mrs. Wire über die Hörbarkeit der Einsamkeit sinniert, wird diese auch für den Zuschauer spürbar, kriecht sie ihm förmlich unter die Haut. Der sehnsüchtige Song „Somewhere“ aus „West Side Story“  verdeutlicht und akzentuiert am Schluss des Stückes nochmals die gesamte Tragweite der Ausweglosigkeit der Situation.
Bermerkenswerte Leistungen aller Schauspieler
Allein der Figur des Autors (authentisch Rafael Schuchter) gelingt, dank seiner Jugendlichkeit und seiner noch  physischen und psychischen Gesundheit, der Absprung aus dieser Hoffnungslosigkeit. Der homosexuelle Maler Nightingale (wunderbar Peter Badstübner) leidet schwer an Tuberkulose und ständiger Geilheit. Die alten Mädchen Mary Maude und Miss Carrie (herrlich Maria Hofstätter und Sybil Urban) kurz vor dem Verhungern, kratzen den Dreck von Wänden und flüchten  in kulinarische Träume. Die unheilbar kranke New Yorkerin Jane Sparks (eindrucksvoll Sandra Bra) hängt sich an den drogensüchtigen und gewalttätigen Stripper Tye MC Cool (sehr gut Markus Heinicke), der ihr nichts zu geben vermag außer ein bisschen Sex.  Und dann ist da noch die beeindruckende Mammy, die dicke schwarze Frau, die den Hungernden die Brust gibt, sich der einsamen Mrs. Wire  zur Seite legt, aber ansonsten der Tristesse hilflos ausgeliefert ist.
Eindrucksvolle Studie
„Vieux Carré“ ist im Gegensatz zu anderen Texten von Tennessee Williams kein großer literarischer Wurf. Dem Projekttheater aber ist es gelungen eine wirklich eindrucksvolle Studie über sexuelles Verlangen und Einsamkeit, über Armut und Abhängigkeit zu entwickeln, angereichert mit der richtigen Dosis Humor und der atmosphärisch verdichtenden Musik von und mit Martin Zrost.
Das interessierte Publikum bedankte sich mit großer Begeisterung.


Wo Leben sich durchbeißen heißt
Tennessee Williams wäre heute 100 Jahre alt geworden. Das Projekttheater würdigte den amerikanischen Autor am Donnerstagabend mit der österreichischen Erstaufführung von „Vieux Carrè“

Andras Feuerstein
Die Neue, 26. März 2011

Als Tennessee Williams 1983 einsam und von Alkohol und Medikamenten abhängig starb, ging es ihm wie vielen seiner Theaterfiguren: Das Streben nach Sicherheit und Glück, mit dem er sich in seinen Werken beschäftigte, blieb am Ende erfolglos.
Seine Karriere war zu diesem Zeitpunkt längst verebbt. Heute gilt Williams als einer der bedeutendsten Autoren der USA, sein Werk ist wieder gefragt. Drei seiner späten Stücke kommen derzeit in Manhatten auf die Bühne. Darunter „Vieux Carrè“, dem das Projekttheater Vorarlberg in der gelungenen Inszenierung von Susanne Lietzow im Alten Hallenbad in Feldkirch zu seiner Österreich-Premiere verhalf.
Das Stück über das Leben der Bewohner einer verwahrlosten Pension in New Orleans klammert nichts aus, was es an Niederungen im menschlichen Dasein gibt: Hunger, Tod, Einsamkeit und Wahnsinn. Nur, das Glück fehlt. Dieses ist „Somewhere“, an einem anderen Ort.
Im Mittelpunkt des Geschehens, die Hausherrin, Mrs. Hortense Wire (beindruckend: Martina Spitzer), die Wärterin des „Gefängnisses“. Zu Beginn schiebt sie ihr Bett in die Lobby des Hauses, von wo aus sie in das Geschehen eingreift – neugierig, kontollierend, herrschend, aber eigentlich auch ebenso auf der Suche nach etwas Geborgenheit wie alle anderen (so sieht sie im Autor: gespielt von Rafael Schuchter, etwa ihren verlorenen Sohn). Die Figuren leben auf engstem Raum, zwischen ihnen liegen Welten, Einsamkeit und Verzweiflung bestimmen ihr Dasein. Dennoch gibt es schreiend komische Momente.
Das Bühnenbild (Ausstattung: Marie Luise Lichtenthal), ein desolater Zustand. Wenn die Figuren durchs Haus schleichen, über Treppen vom einen ins andere Zimmer gehen, fühlt man sich an M.C. Eschers Lithographie „Relativity“ erinnert, ein Bild der Orientierungslosigkeit. Musikalisch untermalt wird die Handlung von Martin Zrost, der ebenfalls auf der Bühne steht, beziehungsweise im „Dachzimmer“ mit seiner Gitarre auf dem Sofa vor dem Notebook sitzt und – oftmals Assoziationen an Tom Waits hervorrufende – Sounds erzeugt.


Gelungene Premiere
Gelungene Österreich-Premiere für Williams-Stück in Feldkirch

Tiroler Tageszeitung, 25. März 2011

Feldkirch (APA) – Das Stück „Vieux Carré“ von Tennessee Williams feierte am Donnerstag seine Österreichische Erstaufführung im Alten Hallenbad in Feldkirch. Das Projekttheater hatte sich des wenig bekannten Stücks anlässlich des 100. Geburtstags des Dichters angenommen. Das Premierenpublikum zeigte sich von dem autobiografischen Werk des US-amerikanischen Autors sehr angetan und spendete begeisterten Applaus.
Das Stück handelt von den Bewohnern einer heruntergekommenen Absteige in New Orleans. In der Inszenierung von Susanne Lietzow begegnet der Zuschauer sehr eigentümlichen, präzise gezeichneten Figuren, deren Darstellung dem Ensemble überzeugend gelingt. Die verschiedenen Gäste leben in ihren jeweiligen Welten. Trotz großer räumlicher Nähe befinden sie sich in großer Distanz zu einander. Krankheit, Tod, Vergewaltigung, Drogen und Hunger – jeder bewältigt sein Schicksal für sich allein. Extremsituationen werden dem Zuschauer vor Augen geführt. Und doch gibt es immer wieder Situationskomik – wohltuenden Pausen in einem Stück, in dem ansonsten die Kälte zwischen den Figuren fast körperlich spürbar ist.
Das Bühnenbild zeigt die desolate Herberge. Die einzelnen Zimmer befinden sich auf unterschiedlichen Ebenen, die über Treppen und Leitern erreichbar sind. Die Lobby befindet sich in der Mitte der Bühne. Über eine Rampe kann die Herberge betreten werden. Zu Beginn des Stücks wird dort ein Bett platziert, von dem aus die „Gastgeberin“ Mrs. Hortense Wire (hervorragend gespielt von Martina Spitzer) das Geschehen kontrollieren möchte. Um das zu unterstreichen ist in der Mitte der Bühne zudem ein Bild von ihr angebracht – gemalt von Mara Mattuschka.
Als musikalischer Begleiter fungiert Martin Zrost. Mit seinen live vorgetragenen Kompositionen verstärkt sich die spürbare Beklemmung, manche Szenen erhalten so noch mehr Tiefe. Gegen Ende des Stücks ziehen einzelne Protagonisten ziellos ihre Runden über die Bühne. Nur der Figur des Autors gelingt die rettende Flucht aus Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Tod. Einziger kleiner Hoffnungsschimmer am Ende: Einzelne Schauspieler summen beziehungsweise singen das Lied „Somewhere“ aus dem Musical „West Side Story“: „There ‚s a place for us, somewhere a place for us, peace and quiet and open air, wait for us somewhere.“


Dieses Restfünkchen Hoffnung
Ergreifende und exakte Aufführung von Williams` „Vieux Carrè“

Raimund Jäger
Feldkircher Anzeiger, 31. März 2011

Nein, sie enttäuschen uns wieder nicht: Mit der (überraschenderweise) österreichischen Erstaufführung des Stückes „Vieux Carrè“ von Tennessee Williams setzt das Projekttheater seinen Erfolgsrun fort. Die mal mehr mal weniger gebrochenen Figuren des autobiographischen Stückes, allesamt permanent agierend, machten den Abend nicht nur zu einem spannenden, sondern auch äußert emotionalem Erlebnis.

Drei heimische „freie Theatergruppen“ auf professionellem Niveau gibt es: Während das „Kosmos“ eher Darsteller-orientiert ist und das „Aktionstheater“ dem Regisseur meist den Vortritt lässt, ergänzen sich beim Projekttheater die beiden posten vorzüglich. Das liegt einerseits daran, dass mit Susanne Lietzow seit Jahren die gleiche Regisseurin (und zwar verschleißfrei) inszeniert, die Ausstattung stets Marie Luise Lichtenthal fertigt und mit den Aktions-Granden Dietmar Nigsch und Maria Hofstätter sowie Martina Spitzer und Peter Badstübner ein eingespieltes Darsteller-Team zur Verfügung steht.

Traurig, lustig, böse
Das Ergebnis dieser Langzeit-Liaison ist brillant: Williams zeichnet in seinem späten und recht derben Drama „Vieux Carrè“ Momentaufnahmen seines eigenen Lebens, als er als junger, homosexueller und mittelloser Schriftsteller erste Schreibversuche unternahm. Die Situation in einer heruntergekommenen Pension ist – gelinde gesagt – trist und die Figuren allesamt überzeichnet; dennoch oder deshalb gelingt die schwierige Balance zwischen anrührenden, tragischen und teilweise fast brutalen Momenten und einem zwar bösen, aber doch noch goutierbaren schwarzen Humor.

Mehrere Ebenen
Das dem so ist, hat zwei Ursachen: Regisseurin lietzow versteht es, einerseits mehrere Handlungsebenen parallel geschehen zu lassen, andererseits aber den Faden nie zu verlieren – zwar wird in der Setzkasten-ähnlichen Bühne immer und überall agiert, dennoch wird man von der eigentlichen Haupthandlung nicht abgelenkt. Ein gar nicht kleines Kunststück, das nur dank eines starken Darsteller-Ensembles überhaupt möglich ist.

Tolle Frauenrollen
Vor allem die Frauen agieren mit Mut zur Häßlichkeit und ohne jede Scheu zum Chargieren. Martina Spitzer hat als Hauswirtin die dankbarste Rolle: von der geldgierigen Hexe über die enttäuschte Mutter bis hin zur kumpelhaften Freundin spielt sie alle Facetten dieser Figur bravourös durch. Sandra Bra als Jane, die als junge Intellektuelle zwischen Modekarierre und Leukämie noch am ehesten einer „normalen“ Person nahe kommt, sorgt gemeinsam mit ihrem drogensüchtigen Freund Tye (auch gut: Markus Heinicke) für die klassischsten Momente, während die dem hungertod nahen alten Jungfern Mary (Maria Hofstätter) und Carrie (Sybil Urban) für komischere Einlagen sorgen, auch wenn bei Abfallvertilgungen nicht jedermann befreit auflachen mag.

Über Genregrenzen hinweg
Hauptprotagonist Rafael Schuchter spielt seinen Autor, also Tennessee Williams, präzise, aber dezent, während der ja immer omnipräsente Peter Badstübner als TBC-kranker Maler einmal mehr eine geradezu unheimliche Intensität verströmt. Intensiv ist auch die Musik, wie meist beim Projekttheater zumindest teilweise live gespielt. Martin Zrost, seines Zeichens Jazzmusiker und Soundtrack-Komponist, unterstützt die Stimmung(en) des Stücks vorzüglich, scheut sich nicht vor leisen Tönen, großer Lautstärke, freien Passagen und zeitfremder Musik (Discosound) und beweist zusammen mit dem bühnendominierenden Bild von Mara Mattuschka, dass das Projekttheater Genregrenzen meidet. Die vielen Details (Synchrongags, Liedzitate, sexuelle Varianten und die schöne Kunst des Sterbens) hier aufzuzählen, ist aus Platzgründen nicht möglich – man sollte das Ganz schon selber gesehen haben

.


Pension der Unikate ...
… im Schauspielhaus: „Vieux Carré“

Elisa Weingartner
Der Standard, 19.09.2011

Wien – zwischen Suff, Resignation und Todessehnsucht fristen die skurrilen Bewohner einer Billigpension in New Orleans ihr trauriges Dasein. Unter ihnen lebt der junge Tennessee Williams (Rafael Schuchter) und begegnet hier bereits so manchen Ur-Figuren seiner späten Theaterarbeiten. In den winzigen SChachtelräumen einer ausgeklügelten Treppenlandschaft installiert Regisseurin Susanne Lietzow wie in einem absurd übergroßen Setzkasten die gescheiterten Südstaaten-Existenzen. Darunter wären die verträumte Designerin Jane (Sandra Bra) und ihr dauerbetrunkener und gewalttätiger Liebhaber Tye (Markus Heinicke), der sterbenskranke Maler Nightingale (Peter Badstübner), zwei real verhungernde alte Jungfern mit ihrem Kanarienvogel (Situationskomik pur: Maria Hofstätter und Sybil Urban) und die übergewichtige Hausperle Mammy (großartig: Gwen Soba). Manische Verwalterin überwacht, beschützt und ernährt werden die Mieter von einer sich am Rande des Wahnsinns befindenden Hausbesitzerin, die, in allen manischen Phasen, von Martina Spitzer überzeugend verkörpert wird. Die Figuren sind übrigens auch in der Pause im Foyer zu beäugen-in, teilweise ins Bühnenbild integrierten, Kunstwerken der Malerin Mara Mattuschka. Der Livejazz von Martin Zrost verdichtet Bühnengeräusche und Musik zu einem stimmigen Klangkörper, schade nur, dass die gelungene Aufführung mit einem holprigen Musical-kitschigen Ausrutscher von Somewhere (There`s a place for us) enden muss. Nach der erfolgreichen österreichischen Erstaufführung im Vorarlberger Feldkirch gastiert das Projekttheater noch bis Dienstag im Wiener Schauspielhaus.


Muttersöhnchen unter meschuggenen Messies
Kritik – Das Projekttheater zeigt Tennessee Williams` „Vieux Carré“ im Schauspielhaus

Michaela Mottinger
Kurier, 11.09.2011

Der Gemütszustand von Tennessee Williams-Inszenierungen dieser Tage ist oft abgestanden, schal. Wenn er nicht sogar korkt. Dass das nicht so sein muss, beweist das Projekttheater, das mit seiner Arbeit „Vieux Carré“ bis 13. September im Schauspielhaus Wien zu Gast ist. Die Truppe rund um Maria Hofstätter hat den so souverän die Sünde beschreibenden Südstaatler zum 100. Geburtstag gut belüftet. Und kredenzt (pardon, aber das war als Wortspiel aufg`legt) einen Jahrhundertjahrgang. „Vieux Carré“ ist so etwas wie Williams`junges Alterswerk. Er hat`s jung zu schreiben begonnen, aber erst 1978 vollendet. Und es ist sein am schamlosesten autobiografisches Stück: Ein hinter den Ohren noch grüner Autor erlebt in einer heruntergekommenen Pension in New Orleans zwischen einem tuberkolösen schwulen Maler, einem drogensüchtigen Nachtklubtürsteher und seiner „Puppe“, Strichern und einer Handvoll verrückter alter Tanten genug Geschichten für ein ganzes Dichterleben. Selbst eine Katze kommt schon vor. Und der Dichter hat sein Coming-out. Regisseurin Susanne Lietzow reichert die Begegnung mit diesen Menschen in Extremsituationen mit extremer Situationskomik an. Ihr gelingt eine düstere Farce über sexuelle und andere Abhängigkeiten, über Einsamkeit und Armut, Fantasien und Perversionen aller Art. Und sie gelingt ihr auf beste Projekttheater-Art – anarchisch, morbid, trashig. Jeder hier ist ein meschuggener Messie. Keiner hat die Kraft, den Müllberg seines Lebens zu beseitigen. Also wird drüber weggeturnt. Marie Luise Lichtenthal hat diesen fauligen Unort als riesigen Setzkasten angelegt und stapelt drin die Darsteller, deren Körperspiel Lietzow zur Livemusik von Martin Zrost choreografiert. Explizite Szenen inklusive. Denen sich Peter Badstübner als Maler Nightingale auch allein, Sandra Bra und Markus Heinicke zu zweit hingeben. Martina Spitzer ist als vom Wahnsinn umzingelte Wirtin schön spooky; Maria Hofstätter zeigt sich als hungernde alte Jungfer auch als große Clownin. Rafael Schuchter gibt den Autor als wehleidiges Muttersöhnchen. Doch wenn er tippt, verschwimmen Grenzen. Schreibt er, was passiert? Oder passiert, was er schreibt?



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