weiter leben – eine Jugend

nach dem gleichnamigen Buch von Ruth Klüger

 

Ruth hat das Pech, sieben Jahre alt zu sein und einen gelben Stern tragen zu müssen. Mit elf Jahren kommt sie in Konzentrationslager. Zur Vernichtung vorgesehen. Sie überlebt, zufällig. Viele Jahre später schreibt sie darüber ein Buch.

Premiere: 18. Mai 2001 im dietheater/Konzerthauskeller Wien, Uraufführung
Vorarlberg-Premiere: 23.Oktober 2001 im Pförtnerhaus Feldkirch

Gastspiele/Festivals: 2001–2012
Ö1 Hörspiel des Jahres 2012

Regie: Nika Sommeregger
Bühnenfassung: Hubertus Zorell und Pete Belcher
Es spielen: Martina Spitzer, Maria Hofstätter
Kostüme: Vera Vondrak
Ausstattung: Peter Ketturkat


Aufwühlendes Erzähltheater – Ruth Klügers großartige Jugenderinnerungen sind auch in der Bühnenfassung ein Erlebnis. Die Premiere überzeugte auch die anwesende Autorin.

Die Presse, 22.05.2001

…Klüger erinnert jenes Mädchen, das den Wahn begriff, aber dagegen immer das (verhinderte) Leben stellte.

Der Standard, 22.05.2001

…ein eindringliches Stück Erzähltheater sehr sensibel inszeniert.

Kurier, 24.05.2001

Pressestimmen

Ein Theaterabend, den man nicht vergisst. . .

Peter Huemer
ORF Wien, 18.05.2001

Ruth Klügers Kindheitserinnerung weiter leben – eine Jugend gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Texten über den Holocaust. Die theatralische Umsetzung stellt daher eine ganz besondere Herausforderung dar, gerade weil der Text so außergewöhnlich gescheit und sensibel ist und in besonderer Weise Einsichten vermittelt.
Die Autoren der Dramatisierung, die Regisseurin und die beiden Darstellerinnen haben dafür einen Weg gefunden, der dem Buch soweit als möglich gerecht wird. Ein Theaterabend, den man nicht vergisst.


Stimmen, die schreien wollen
Ruth Klügers „weiter leben“

Christoph Schütte
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2001

Es ist die Zeit, als „Juden und Hunde überall unerwünscht“ waren, als Ruth, gerade sieben Jahre alt, nicht mehr auf der Parkbank, nicht mehr in der Straßenbahn sitzen darf. „Was willst du?“ lautet die Frage beim Bäcker, und die Antwort des Kindes, so naiv, enthält ein ganze gestohlene Kindheit: „Ins Schwimmbad, auf die Schlittschuhbahn.“ Es ist die Geschichte eines kleinen Mädchens in den dreißiger Jahren, das aus der Wiener Neubaugasse nach Theresienstadt, nach Auschwitz-Birkenau und schließlich Christianstadt deportiert wird – und überlebt.
Die Schriftstellerin und Germanistin Ruth Klüger hat diese Geschichte aufgeschrieben, es ist ihre eigene. Mit ihrer Autobiographie „weiter leben“ ist sie 1992 in Deutschland bekannt geworden. Kein einfaches Unterfangen, daraus ein Theaterstück zu machen. Doch die Bühnenfassung(Hubertus Zorell und Pete Belcher), die auf der Werkstattbühne des Staatstheaters Darmstadt zu sehen war, übersetzt „die Worte des Kindes, das ich einmal gewesen war“, wie es Ruth Klüger in ihren einführenden Worten formulierte, die persönliche Geschichte eines jüdischen Mädchens, in eine paradigmatische Erzählung. Für „weiter leben – eine Jugend“ hat sich das freie Theater auf die Zeit von 1938 bis zum Verlassen des Vernichtungslagers Auschwitz konzentriert.
Auf der Bühne (PeterKetturkat) ist eine graue Mauer, darin eingelassen sind Fotografien in Schwarzweiß, wie ein Momentaufnahmen aus dem dargestellten Leben. Zwei Schauspielerinnen, Maria Hofstätter und Martina Spitzer, geben dem Kind ihre Stimme, sind dieses Kind, und wie sie das machen, dialogisch, erzählend, die Momente wieder und wieder erlebend, bisweilen voller fröhlicher, oft ängstlicher, traumatisierender und widersprüchlicher Erinnerungen, gelingt es ihnen, eine ganze Epoche durch die Augen dieses Wiener Mädchens lebendig werden zu lassen, dem das Unfassbare widerfährt. Stimmen, die schreien wollen, lachen und weinen, so viele Stimmen im Kopf, die Erinnerung ausmachen, die Darstellerinnen machen sie eindrucksvoll sichtbar. „Ich habe Theresienstadt gehasst. Ich habe Theresienstadt geliebt.“ Immerhin war es „besser als im Wien der letzten Zeit“. Der Transport aus der Vorhölle mitten in die Hölle, die Auschwitz heißt, der Gestank im Wagen, das ganze im Buch geschilderte Grauen, hier sehen wir es vor uns. Und immer steht hinter allem die Frage der Überlebenden: wie weiterleben? „Wir wollen den Wienern klarmachen, was in ihrer Stadt passiert ist“, beschreibt Nika Sommeregger ihren Ansatz. Das ist ihr in einer außerordentlich dichten, spannungsreichen Inszenierung gelungen.


Verzweiflung macht Mut, Hoffnung aber feig

M. Affenzeller
Der Standard, 22.05.2001

Das man eine im Konzentrationslager endende Familiengeschichte als Filmkomödie erzählen würde können, dachte vor Roberto Benigni kaum einer. Der italienische Regisseur hat 1998 mit seiner umstrittenen Tragikomödie La vita e bella den Irrsinn mit Irrsinn beantwortet und sich erlaubt, der Rolle des Opfers zugleich die eines Spielleiters zu übertragen (der Vater erklärt dem Sohn das Lager als Überlebensspiel).
Ruth Klüger aber ist früher schon weiter gegangen. 1992 schrieb sie, die das Vernichtungslager durch Zufall überlebte, ihre Erinnerungen auf und sträubt sich darin aus einem ertrotzten Kinderstandpunkt heraus gegen die stille Anteilnahme am leid der Opfer: „Ich habe Theresienstadt geliebt“, heißt ein Satz in „weiter leben – Ein Jugend“. Im nächsten Absatz dann: Ich hab`Theresienstadt gehasst.“ Klüger erinnert jenes Mädchen, das den Wahn begriff, aber dagegen immer das (verhinderte) Leben stellte: das verbotene Kino, den verbotenen Eislaufplatz, den jüdischen Friedhof als Spielplatz.
In zwei gegensätzlichen und doch dicht miteinander verwobenen Stimmen berichtet eine von Pete Belcher und Hubertus Zorell gefasste Erzähltheater-Version von dieser Kindheit in Wien und der Deportation in die Lager: Die unverträglichen Versatzstücke dieses Lebens – das Straßenschild der Neubaugasse, die schönen Bücher im Regal, das Schneewittchen aus Walt Disneys Film, die Waggons -, sie sind als fatal zusammenhängende Bilder in eine Aluminiumrückwand eingearbeitet.
Die dunkle Stimme von Martina Spitzer, die widerspenstig-kraftvolle von Maria Hofstätter – sie beide zusammen heben in der Regie Nika Sommereggers den Text hinaus in eine sorgenvolle Erleichterung. Welche von den anwesenden Schülerinnen und Schülern dankbar aufgenommen wird.
Benigni wählte den Kunstgriff, um den Wahn zu brechen. Klüger den lebensnotwendigen „Blick kindlicher Unwissenheit“, beide machen wissend.



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